Oldenburg - Eines vorweg: Der Verfasser dieser Zeilen glaubt nicht an eine Corona-Verschwörung gegen die Freiheit. Er hält das Virus für heimtückisch und gefährlich. Er verschließt auch nicht die Augen davor, dass Ärzteteams und Pflegekräfte in den Intensivstationen und anderswo am Limit arbeiten. Und er ist überzeugt, dass Bundesregierung und Landesregierungen nach bestem Wissen und Gewissen daran arbeiten, die Kurve flach zu halten, dass dabei Fehler passieren können und dürfen und dass die zur Pandemiebekämpfung ergriffenen Maßnahmen, wenigstens überwiegend, sinnvoll und nötig sind.
Autor dieses Beitrages ist Michael Sommer. Der gebürtige Bremer ist Professor für Alte Geschichte an der Uni Oldenburg und Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages, der Interessenvertretung der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer in Deutschland. (Foto: privat)
Der Shitstorm hatte sich gewaschen. Den Schauspielern wurde mangelnde Empathie, gar Zynismus unterstellt. Sie würden mit den Videos Ironie auf Kosten von über die 80 000 deutschen Corona-Toten treiben. Ihnen wurde eine „egomane Innenwelt“ (Hugo Müller-Vogg im „Focus“) attestiert, die Aktion sei eine „Unverschämtheit“ (Sebastian Leber im „Tagesspiegel“), „peinlich“, „Schrumpfsarkasmus“, „eklig“. Mit Hashtags wie #allenichtganzdicht (Jan Böhmermann) und #allesschlichtmachen (Nora Tschirner) wurde die Kampagne ins Lächerliche gezogen. Der Geschäftsführer des Kulturrats, Olaf Zimmermann, kritisierte, beteiligt hätten sich ausgerechnet solche Schauspieler, die auch in Corona-Zeiten nicht über mangelnde Engagements klagen könnten. Als ob weniger prominente Kollegen das Risiko einer öffentlichen Abwatschung auf sich nehmen könnten.
Irregeleitete Debatte
Wachsam wurde auch registriert, wer den Videos applaudierte: Ex-Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen lobte die Aktion der Schauspieler ebenso wie der Koch und Covid-Verschwörungstheoretiker Attila Hildmann und die AfD-Politikerin Joana Cotar. Droht Beifall von der falschen Seite, dann ist es bis zur Stigmatisierung kein weiter Weg mehr. Nicht jeder möchte sich dem aussetzen: Ulrike Folkerts distanzierte sich, Meret Becker und Heike Makatsch ließen ihre Videos löschen. Die Aktion sei nach hinten losgegangen, stellten einige fest. Andere beklagten, sie und ihre Angehörigen seien bedroht worden.
Die Hysterie um #allesdichtmachen illustriert lehrbuchartig, wie Debatten in Deutschland regelmäßig aus dem Ruder laufen: Wer immer eine potenziell kontroverse Meinung äußern will, sollte im Vorhinein bedenken, ob ihm nicht eventuell die Falschen zujubeln könnten. Geschieht das, dann sind die, die sich für die Richtigen halten, schnell mit der Forderung nach Konsequenzen bei der Hand – so wie im vorliegenden Fall der SPD-Politiker Garrelt Duin.
Unbestreitbares Recht
Das WDR-Rundfunkratsmitglied forderte, die Rundfunkanstalten müssten ihre Zusammenarbeit mit den Initiatoren beenden, denn durch ihre Kritik an Medien und Regierung „leisten sie denen Vorschub, die gerade auch den öffentlich-rechtlichen Sendern gerne den Garaus machen wollen.“ Solch autoritärer Gestus irritiert, weil selbstverständlich jeder das Recht hat, seine Meinung zu sagen – ohne, dass er mit hoheitlichen Repressalien rechnen muss. Demokraten treten für das Recht auf freie Meinungsäußerung ein, auch wenn ihnen die Meinung, die da geäußert wird, nicht passt.
Wer wie Duin mit Konsequenzen droht, hat etwas gründlich missverstanden und nichts zu suchen im Aufsichtsgremium für einen Rundfunk, der sich bei jeder Gelegenheit das Attribut „demokratisch“ gibt. Wie sagte Hans Magnus Enzensberger schon 1962? „Die Angst vor dem ‚Beifall von der falschen Seite‘ ist nicht nur überflüssig. Sie ist ein Charakteristikum totalitären Denkens.“
