Oldenburg - Sie sind zu beneiden, diese Grünen. Die hatten nämlich bis Montag ein echtes Luxusproblem. Es gab da zwei Kandidaten für die Kanzlerkandidatur, die beide bestens geeignet waren. Dass Annalena Baerbock im Vorstand letztlich die Nase vorn haben würde, war anzunehmen – allein schon aus Rücksichten auf die eigene gesellschaftspolitische Ideologie konnten die Grünen kaum anders. Die strahlende Kür und die Schwäche der Konkurrenz bedeuten nun trotzdem nicht, dass Baerbock und ihre Partei schon „durch“ wären. Ganz im Gegenteil.
Die hervorragend choreografierte Kandidatenauswahl kann man jederzeit als Vorbild nehmen, wie so etwas zu laufen hat: unaufgeregt, mit demokratischem Ernst und trotzdem freundlich-locker. Das bizarre Gezerre in der Union bietet den Kontrast zur perfekten Inszenierung der Grünen. Baerbock hielt eine emotionale und gute Rede. Sie ist eine durchweg sympathische Kandidatin, die Politik fraglos „kann“.
Freilich folgen nun die Mühen der Ebene. Zwar kann sich Baerbock weitgehender medialer Sympathien sicher sein, peinliche Ausfälle wie etwa beim Sommerinterview 2019 darf es jetzt aber nicht mehr geben. Die würden im Wahlkampf nicht mehr zu überspielen sein. Fraglich ist zudem, wie die Grünen außerhalb ihrer links-bürgerlich-woken Heimat-Milieus punkten können, also bei Facharbeitern, Selbstständigen oder auf dem Land. Denn das müssen sie, um die Regierung führen zu können.
Fragwürdige Programmatik
Fakt ist: Die Grünen schrumpfen in den jüngsten Umfragen – um Werte zwischen einem und zwei Prozentpunkten. Woran liegt das? Vielleicht daran, dass unter Phrasen wie „Politik, die vorausschaut und was neues wagt“, programmatische Zumutungen hervorblitzen, die mit Wohlstandsverlust und gesellschaftspolitischer Gängelei wenigstens ansatzweise zu beschreiben sind. Und dann sind da noch die Gedankenspiele von Grün/Rot/Blutrot, die angesichts realpolitischer Unbrauchbarkeit der Linkspartei mindestens auf Teile der Wählerschaft abschreckend wirken.
Dagegen gibt die Schwäche der Konkurrenz Rückenwind: Was die Union angeht, hat die am Montagmittag eine Chance verpasst: Hätte Söder in München seinen Rückzug aus dem Rennen verkündet, und die Partei Laschet auf den Schild gehoben (oder andersherum), hätte man den Grünen glatt die Show gestohlen. Chance vertan.
Das ist jedoch nichts gegen die geradezu satirische Reaktion der SPD. Die Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Bojans wollen sich „dem fairen Wettbewerb um die Führung eines progressiven Regierungsbündnisses“ stellen. Angesichts eines Rückstandes von sieben bis acht Prozentpunkten auf die Grünen wundert man sich über die Eigenwahrnehmung der Sozialdemokraten.
CDU? Aufwachen!
Alle Unwägbarkeit hat aber wenigstens ein Gutes: Es wird bis zum September spannend und unterhaltsam bleiben. Und vielleicht brauchen die so entsetzlich verbrauchte, im Merkel-Biedermeier tiefen-verstaubte CDU und die viel zu zaghafte, ewig zaudernde FDP ja genau diese Nachhilfe einer so agilen, wie geschickten und so schwungvollen wie von Siegeswillen angetriebenen Grünen Partei, um aus dem politischen Mustopf zu kommen.
Mag das auch vier Jahre dauern.
Der Text zum Anhören, gesprochen vom Autor:
