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NWZonline.de Nachrichten Politik Meinung

Die Griechen haben genug von Alexis Tsipras

02.08.2018

Athen Er stieg um 14.30 Uhr in die auf dem VIP-Flughafen Elefsina, westlich von Athen, startbereite Regierungsmaschine vom Typ Embraer. Ziel an diesem brütend heißen Tag war Mostar in Bosnien, 776 Kilometer Luftlinie von Athen entfernt. Zu diesem Zeitpunkt wütete bereits seit zweieinhalb Stunden der erste Waldbrand im Ort Kinetta – ebenfalls westlich von Athen. Griechenlands Premier Alexis Tsipras vom „Bündnis der Radikalen Linken“ („Syriza“) brach ungeachtet der seinen Lauf nehmenden Feuerkatastrophe im Großraum Athen nach Mostar auf, um dort von einer ziemlich unbekannten Nichtregierungsorganisation geehrt zu werden. Der Anlass: Die am 17. Juni getroffene Einigung im Namensstreit zwischen Hellas und Mazedonien.

Tsipras’ Ehrung in Mostar sollte vom Athener Staatssender ERT, der zu einem Propagandakanal der Regierung Tsipras verkommen ist, mit viel Tamtam gewürdigt werden. Mehr noch: Der Auftritt in Mostar sollte eine Fiesta werden. Politisch. Medial. In der Hauptrolle: Alexis Tsipras.

Doch Tsipras hatte Pech.

Kurz nach seinem planmäßigen Eintreffen in Mostar brach unweit des beliebten Ferienorts Mati, östlich von Athen gelegen, ein zweiter Waldbrand aus. Dieser Brand war noch größer als in Kinetta. Und ungleich verheerender. Mati verschwand im Feuermeer. Es ging alles sehr schnell. Bis dato sind über 90 Tote gezählt, darunter viele Kinder und Frauen – Tendenz steigend.

Wie jetzt nach und nach in Athen bekannt wird, bargen an jenem tragischen 23. Juli bereits um 20 Uhr Kampfschwimmer die ersten Toten im Meer von Mati. Erst eine Stunde später brach Tsipras seine Visite in Bosnien ab, um nach Athen zurückzukehren.

Tsipras sprach dort aber nicht von Toten.

Um 23.20 Uhr bestellte eine Behörde des Athener Gesundheitsministeriums vierzig Leichensäcke für die Toten von Mati. Kurz vor Mitternacht, immer noch an jenem Montag, zog Tsipras, unterdessen wieder aus Mostar zurück, eine unsägliche Show vor laufender Kamera in Athens Feuerwehrzentrale ab: In Anwesenheit mehrerer Minister ließ er sich von den Chefs der Polizei sowie Feuerwehr über den Stand der Dinge in Sachen Waldbrände in Kenntnis setzen.

Dabei fiel aber erneut kein einziges Wort über Tote, mögliche Tote oder Verletzte, weder in Mati noch anderswo. Tsipras fragte auch nicht danach. Was er aber fragte: „Wann fliegen die Löschflugzeuge wieder?“ Ein Führungsoffizier antwortete, was jedes Kind in Griechenland weiß: „Mit dem ersten Tageslicht, Herr Premierminister.“

Der Eindruck, Tsipras und Co. seien in der dramatischen Nacht offensichtlich darum bemüht gewesen, eine mediale Inszenierung in Athen zu veranstalten, hat die ohnehin in einen kollektiven Schockzustand versetzten Griechen auf die Palme gebracht. Wie vor allem das zweite Feuer in Mati ausbrach, spielt innenpolitisch in Athen keine Rolle mehr. Für Tsipras ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen, besser: im Feuermeer von Mati verkohlt.

Ein erneuter Wahlsieg von Tsipras bei den nächsten Parlamentswahlen, die turnusgemäß im September 2019 stattzufinden haben, war schon vor der Katastrophe in Mati in weite Ferne gerückt. Die konservative Oppositionspartei Nea Dimokratia (ND) lag mehr als zehn Prozentpunkte vor Tsipras’ Syriza. Die ND lehnt die Einigung mit Skopje im Namensstreit – so wie eine überwältigende Mehrheit der Griechen – strikt ab.

Mit der geplanten Fiesta in Mostar sowie den ursprünglich geplanten Feierlichkeiten wegen des Auslaufens der milliardenschweren Griechenland-Kreditprogramme am 20. August wollte Tsipras mit Rückenwind aus Brüssel, Berlin und Washington das Blatt noch einmal wenden. Die Stimmung in Griechenland nach dem Inferno in Mati ist aber diese: Das griechische Volk wartet nur darauf, die Tsipras-Regierung in einem Urnengang in den Müllkorb der Geschichte zu befördern. Tsipras und seine Syriza sind in den Augen der Griechen erledigt. Politisch. Psychisch. Mental. Unumkehrbar.

Bliebe nur die Frage, ob Athens Parlament in der aktuellen Zusammensetzung über die Einigung mit Skopje abstimmen wird. Das umstrittene 20-seitige Dokument soll Athens Parlament im Januar ratifizieren. Tsipras will zumindest bis dahin politisch überleben. Mit jedem neuen Toten in Mati wird das unwahrscheinlicher.

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