Der ganz gewöhnliche Alltag liefert manchmal Themen, die einem nicht immer sofort gegenwärtig sind. Der Verlust eines Portemonnaies samt Bank- und Kreditkarten ist so ein Fall. Wer in dieser Region außerhalb der Großstadt Oldenburg wohnt und zu den Kunden einer regionalen Großbank zählt, steht plötzlich ohne raschen Zugang zu Bargeld da. Längeres Warten in der Telefonschleife ist ebenso wenig hilfreich wie die Feststellung, dass die Bank schon seit Jahren Filialen geschlossen und viele Geldautomaten abgeschafft hat. Der Kunde auf dem Land steht vor der Alternative, längeres Warten auf die neuen Scheck- und Kreditkarten zu akzeptieren oder einen Bankbesuch über 60 Kilometer An- und Abfahrt in Kauf zu nehmen und sich das nötige Kleingeld direkt abzuholen.
Auf der Fahrt dahin sinniert der Mensch über die Möglichkeit, komplett bargeldlos durch den Alltag zu kommen. In vielen Ländern wie zum Beispiel Schweden ist das (fast) schon Realität, mit Bargeld zahlt dort kaum noch jemand. Unglückliche Lagen wie die eingangs beschriebene müssten damit ja eigentlich vom Tisch sein.
Eigentlich, denn ganz so einfach scheint der Wunsch nach Verzicht auf volle Brieftaschen und schwere Portemonnaies nicht zu sein. Selbst wenn es gelänge, alle Menschen zum bargeldlosen Zahlen zu zwingen, sehen Ökonomen darin viele Probleme. Sie halten in der bargeldlosen Welt eine restriktive Geldpolitik für alternativlos. Denn fehlt das Bargeld, wächst damit fast automatisch die Geldmenge und damit auch die Gefahr von steigenden Preisen, ohne die restriktive Geldpolitik droht Inflation.
Was das bedeutet, erfahren derzeit viele Menschen am eigenen Leib. Die Europäische Zentralbank erhöht zurzeit mit ständigen Leitzinserhöhungen den Druck auf Kreditnehmer (und den Staat!) – mit ebenso positiven wie negativen Folgen. Wer Baupläne hatte, kann davon ein Lied singen.
Vorurteil Finanzamt
Noch sieht der Gesetzgeber die Barzahlung als gesetzliche Zahlungsweise vor. Dabei hätte er es gerne anders. Dass private Haushalte gerne die bare Begleichung von Handwerkerrechnungen bevorzugen, weil es günstiger sei, wird ihnen häufig unterstellt. Dass in vielen Fällen Bargeld lacht, ohne dass der Empfänger das Finanzamt an den Einnahmen beteiligt, trifft jedoch nur bedingt zu. Die (illegale) Unterschlagung empfangener Bargeldzahlungen bei der Steuererklärung setzt voraus, dass der Bezahler den Geldausgang beim Finanzamt ebenfalls nicht verbucht, was für ihn weniger lukrativ ist. Im Handel oder auch Restaurants schließen die üblichen Registrierkassen eine Nichtverbuchung einzelner Beträge aus.
Aber gerade der Wunsch des Gesetzgebers, jedes noch so kleine Geldgeschäft überwachen zu wollen, um seine Beteiligung an dem Handel zu sichern, birgt eben auch ein Risiko beim Datenschutz. Denn nur das bargeldlose Bezahlen hinterlässt die digitalen Spuren, die allzu gern von Regierungsbehörden gesammelt und analysiert werden können. Wer garantiert denn, dass unser Gesellschaftssystem auch künftig immer demokratisch sein wird?
Und ganz alltägliche Probleme könnten in einer bargeldlosen Welt ganz bedeutend werden, nämlich dann, wenn es etwa einen kompletten Stromausfall gäbe. Der imaginäre Geldfluss käme zumindest sporadisch zum Erliegen – mit gewaltigen Folgen. Was ebenfalls gegen den völligen Verzicht auf Bargeld spricht, ist die Vorstellung, dass letztlich jede noch so kleine finanzielle Transaktion irgendwie auch bezahlt werden muss. Langfristig dürfte bargeldloses Zahlen deshalb am Ende wohl teurer werden.
Mehr Tempo an der Kasse
Was allerdings sofort vorbei wäre, sind die unsäglichen Sprengungen von Geldautomaten. Es gäbe schlicht keine mehr. Abgesehen davon ist der Verzicht auf Bargeld bequem und hygienisch einwandfrei. Es geht schneller, und mit dem eigenen Handy steckt sich beim kontaktfreien Bezahlen eben kaum jemand an.
Dass Geld stinkt, ist eine uralte Feststellung, die zwar in Wahrheit Bestechung und Korruption meint, die aber im Angesicht von Corona und weiteren möglichen viralen Attacken auf die Menschheit die Lust auf „Nur Bares ist Wahres“ tatsächlich immer mehr schwinden lässt. Ein Schweinegeld lässt sich schließlich ebenso gut ohne den direkten Austausch von Geldscheinen verdienen. Denn ohne einen Euro in der Tasche kann man zweifellos in Geld schwimmen. Und mit gleicher Münze lässt sich bekanntlich auch ohne den berühmten Heiermann zurückzahlen.
