Europa muss diesen Montag fürchten. Denn der Versuch, die Menschen in den griechischen Auffanglagern per Eilverfahren in solche mit und ohne Asylperspektive zu sortieren, ist mehr als nur ein bürokratischer Akt. Selbst die, denen man eine Ausreise in die EU auf dem nun möglichen Umweg über die Türkei in Aussicht stellt, werden sich wehren und widersetzen. Hinzu kommt das nach wie vor große Misstrauen in die Türkei, deren Präsident und Regierung in den Tagen seit dem Abkommen mit der EU wenig dazu beigetragen haben, sich als stabiler und demokratisch ernstzunehmender Partner zu präsentieren. Wird das Land auch weiter Syrer in ihre Heimat abschieben, deren Präsident Baschar al-Assad Ende dieser Woche erst betont hat, er werde weiterkämpfen, bis er ganz Syrien wieder unter seiner Kontrolle hat?
Es fällt schwer sich vorzustellen, dass die Rückführung mit anschließender geregelter Ausreise ohne schwer zu ertragende Bilder beginnen kann. Fast hat man das Gefühl, in den Regierungshauptstädten habe man sich auf das „Augen zu und durch“-Prinzip eingestellt. Nach dem Motto: Die ersten Tage werden schlimm, danach könnte es laufen – und wirken.
Aber Europa hat noch eine Chance, seine Rolle in ein anderes Licht zu stellen. Denn die Rückführung ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere wird die europäische Familie weiter fordern: Schließlich soll die Türkei für jene, die sehr wohl ein Recht auf Asyl haben, keine End-, sondern lediglich eine Zwischenstation auf dem dann legalen Weg in diese Union sein. Doch werden die 28 bereit sein, ihr jeweiliges Kontingent wirklich zu erfüllen? Zweifel sind angebracht. Nicht nur Polen hat angedeutet, niemanden mehr reinzulassen. Dabei ist die Erfüllung des Versprechens so etwas wie die Nagelprobe des Brüsseler EU-Türkei-Abkommens. Denn man wollte ja genau die Probleme beseitigen, die bisher ungelöst waren: Die illegalen Immigranten sollten von den legalen, die durchaus ein Recht auf Schutz haben, getrennt werden. Könnte dies gelingen, wäre es ein Beleg dafür, dass Europa nicht das Asylrecht kippen, sondern es auch in der Flüchtlingskrise schützen will. Aber das funktioniert nur, wenn alle mitmachen.
