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NWZonline.de Nachrichten Politik Meinung

Judenhass im Villenviertel

02.07.2018

Berlin Ein Sticker auf dem Rücken mit einem Hakenkreuz, Rauch aus einer E-Zigarette ins Gesicht gepustet mit der Einschüchterung: „Das soll dich an deine vergasten Vorfahren erinnern.“ Was die Leiter der renommierten deutsch-amerikanischen John-F.-Kennedy-Schule in Berlin erzählen, dürfte nur ein Teil des Mobbings sein, mit dem Schulkameraden einem Neuntklässler zusetzten.

Zuletzt gab es in Berlin immer wieder Fälle von Antisemitismus, so bei dem Angriff auf einen Kippaträger aus Israel. Der neue Fall hat aber wohl nichts mit muslimischen Einwanderern zu tun, mit „Problemvierteln“ wie Wedding oder Neukölln, sondern spielte sich im bürgerlichen Zehlendorf ab, in der „Mitte der Gesellschaft“. So reden Experten, wenn sie beschreiben wollen, wie sich Judenhass im deutschen Alltag eingenistet hat.

Die Leitung der Kennedy-Schule hat nach eigenen Angaben am 7. Juni von dem Fall erfahren. Seitdem ist der Junge nicht mehr zum Unterricht erschienen. Wie lange er gemobbt wurde, können die Direktoren nicht sagen. Vielleicht zwei Tage, bevor die Eltern Alarm schlugen, vielleicht Monate vorher. Die Schule habe sich aber umgehend mit den Eltern in Verbindung gesetzt, sagt Steffen Schulz, Leiter der Oberschulsparte der Eliteschule. Ein Gespräch mit Mitschülern und Beratern sei für das Opfer zu belastend gewesen, der 15-Jährige habe daran nicht teilnehmen wollen.

„Wir konnten die Familie nicht zufriedenstellen“, räumt der Geschäftsführende Direktor Brian Salzer auf Englisch ein. Er könne die Trauer und die Sorgen der Eltern verstehen. Die Direktoren und die Schulrätin bemühen sich um Schadensbegrenzung, nennen aber keine Einzelheiten. Immer wieder betonen sie, von den Vorfällen vorher nichts gewusst zu haben. Man suche jetzt das Gespräch mit Eltern beteiligter Schüler. Auf eine halbe Stunde haben sie die Pressekonferenz beschränkt. Sie wird auf die Minute genau für beendet erklärt.

Während der 30 Minuten zeichnet der Amerikaner Salzer das Bild einer Multikulti-Welt wie aus dem Bilderbuch. Er spricht von Toleranz und Neugierde, die an der zweisprachigen Schule herrsche, von Ethik und Moral im Unterricht, der Internationalität der Schulklientel.

Die etwa 1600 Plätze an der „JFKS“ sind hochbegehrt, die auf Dutzende Gebäude verteilte Schule im Grünen erinnert an einen US-Campus. Hier lernen Söhne und Töchter von Diplomaten und Professoren. Was könnte da schiefgehen? Vielleicht einfach Wohlstandsverwahrlosung?

Die Schule hat bereits einen Tag zuvor Fehler eingestanden. Man habe die Dimension des Falles unterschätzt. Dazu passt wohl auch der Vorwurf des Zentralrats der Juden, die Kennedy-Schule sei nur unter dem Druck geplanter Medienberichte an die Öffentlichkeit gegangen.

In der „Süddeutschen Zeitung“ hat sich „Bruno“, wie das Blatt den Jungen zum Schutz seiner Identität nennt, offenbart. Es ist das Protokoll eines monatelangen Leidenswegs. In einer Pause hätten ihn Mitschüler etwa gefragt, was der Unterschied sei zwischen einer Pizza und einem Juden. Als sie dem Jungen im Flur begegnen, singen sie: „Ab nach Auschwitz in einem Güterzug.“

Junge Leute treffen eben manchmal „wrong choices“, falsche Entscheidungen, wie Direktor Salzer sagt. Was sich unter Schülerinnen und Schülern abspiele, bleibe für Lehrer oft unergründlich, man könne sich schließlich nicht in die WhatsApp-Gruppen einloggen. Jetzt will die Schule „Diskriminierung“ und „Toleranz“ auf den Plan setzen – und die Lehrer zum Thema Antisemitismus fortbilden.

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