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Nwz-Serie „wie Weiter Nach Corona?“ Eine neue Ära der Wissenschaft

Björn Thümler

Berne - Die Covid19-Pandemie verändert unser aller Leben. Sie tut es rasant und auf eine Art und Weise, die sich noch vor einem halben Jahr kaum jemand hätte vorstellen können. Sie bringt bisher gültige Sicherheiten ins Wanken, aber sie erweitert auch unser Blickfeld. Selten zuvor ist so deutlich geworden, wie wichtig Wissenschaft und Forschung für unsere Gesellschaft sind. Die medizinische Forschung zu Covid 19 läuft auf Hochtouren. Ein weltweiter Wettlauf zur Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten hat eingesetzt, mit denen die Pandemie möglichst bald besiegt werden soll.

Die Pandemie trifft auch die Hochschulen. Digital statt analog heißt dort jetzt die Devise, und es ist bewundernswert, wie schnell die Universitäten und Hochschulen umgeschaltet haben. Kontaktverbote, Quarantäne und Arbeit zu Hause werden sicherlich gravierende soziale, ökonomische und psychologische Auswirkungen haben. Aber wie so oft, birgt auch diese Krise neue Chancen. Sie weitet den Blick für die wichtige Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft, und sie verleiht der Digitalisierung neuen Schub.

Autor dieses Textes ist Björn Thümler (49, CDU). Er lebt in Berne und ist seit 2017 niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur. (Foto: DPA)

Autor dieses Textes ist Björn Thümler (49, CDU). Er lebt in Berne und ist seit 2017 niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur. (Foto: DPA)

In den vergangenen Wochen konnten wir Laien den Forschern bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen: Die Medien informierten uns, welche Daten Forscherinnen und Forscher zum SARS CoV 2 Virus bereits hatten, welche ihnen noch fehlten, welche Fragen sich stellen, wie Hypothesen aufgestellt und Antworten gefunden werden. Statistische Daten aus den USA, Simulationen aus London und epidemiologische Studien aus China wurden in der Öffentlichkeit diskutiert. Jeder konnte dabei deutlich erkennen, was den Kern wissenschaftlichen Arbeitens ausmacht: Wissenschaft ist nie etwas Abgeschlossenes. Sie ringt um neue Erkenntnisse, sie äußert Zweifel. Und ja, sie schlägt Irrwege ein, korrigiert sich und sucht neue, bessere Antworten.

Die Pandemie hat uns gelehrt, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zuzuhören, die ihr Wissen – und manchmal auch ihr Noch-Nicht-Wissen – mit uns geteilt haben. Dieses Wissen war die Grundlage, auf der wir politische Entscheidungen gefällt haben. Wir haben mit Einschränkungen auf die Gesundheitsgefahren für viele Mitbürgerinnen und Mitbürger reagiert. Und auch bei den zurzeit erfolgenden Lockerungen sind wir weiter auf wissenschaftlichen Rat angewiesen.

Niedersachsen vorn dabei

Viele der jetzt bekannt gewordenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommen aus Niedersachsen, arbeiten an den medizinischen Hochschulen, an der TU Braunschweig oder am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Die Statements und Kommentare dieser und vieler anderer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler machen deutlich, wie hoch der Stellenwert der Grundlagenforschung beim Verständnis neuer Phänomene ist. Investitionen in die Wissenschaft sind Investitionen in die Zukunft.

Die Krise zeigt uns auch, wie eng heute Grundlagenforschung mit der Anwendung Hand in Hand gehen muss. Für die Entwicklung eines Impfstoffs müssen wir das Virus kennen und zwar genau. So wichtig uns allen ein Impfstoff ist, so sehr müssen wir uns davor hüten, die Wissenschaft so sehr unter Druck zu setzen, dass ihre Maßstäbe der Qualitätssicherung in Gefahr geraten. Das heißt auch, dass wir die notwendige Geduld aufbringen müssen und die notwendige Vorsicht weiter walten lassen.

Ich bin beeindruckt, wie die Kräfte in der Forschung gebündelt werden. Dazu tragen viele Standorte bei: Die Informatiker und KI Forscher in Oldenburg sind genauso Teil dieser Bemühungen wie die Tierärzte in Hannover und die Physiker in Göttingen. Und alle Akteure in Niedersachsen arbeiten ganz selbstverständlich mit denjenigen zusammen die in Deutschland, in Europa und weltweit genauso wie sie um neue Lösungen ringen.

Wissenschaftler sind Erklärer

Ich bin auch beeindruckt, wie offen und anschaulich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Öffentlichkeit den jeweiligen Stand der Forschung erklären. Viele übernehmen dabei Aufgaben, die auch für sie neu sind. Aber ihre Erläuterungen sind wichtig, um zu verstehen, welche Grundlage die Politik für ihre Entscheidungen hat.

Wir haben in den vergangenen Jahren oft mehr Wissenschaftskommunikation eingefordert: In den letzten Wochen hat die Wissenschaft in Artikeln und Podcasts, in Talkshows wie auf Twitter mit großem Einsatz ihren Willen dazu dokumentiert. Forscherinnen und Forscher haben mir berichtet, dass es ihnen nicht leicht gefallen ist, in kleinen Häppchen und noch kürzeren Worten über ihre Arbeit zu berichten. Aber vielen ist das so gut gelungen, dass sie Tagesgespräch in Unternehmen und Familien waren und sind. Und wir müssen ihnen den Raum geben, sich auch irren und miteinander diskutieren zu dürfen. Nur so kann Wissenschaft funktionieren. Nur so können wir die Diskussion aufrecht halten.

Für die Studierenden haben unserer Hochschulen Großartiges geleistet. Innerhalb kürzester Zeit haben sie die Lehre auf digitale Formate umgestellt. Diesen Digitalisierungsschub müssen wir jetzt nutzen. Dabei wird es darauf ankommen, in Zukunft die neu entdeckten Möglichkeiten klug in den hoffentlich bald wieder dominierenden Präsenzunterricht zu integrieren. Die Hochschule werden damit zu einem Experimentierfeld für moderne Formen der Lehren und Lernens.

Offenheit muss bleiben

Unser Bundesland und Deutschland insgesamt sind bisher sehr gut durch die Krise gekommen. Es ist kein Zufall, dass Analysten aus dem Ausland diese gute Entwicklung auch der Leistungsfähigkeit der Wissenschaft in Deutschland zuschreiben, fast noch mehr allerdings dem guten Vertrauensverhältnis der meisten Menschen zur Forschung.

Wir lernen in der Coronakrise auch, dass wir uns viel offensiver an Innovationen herantrauen sollten. Wer hätte vor einem halben Jahr gedacht, wie viel Koordination und Kommunikation über digitale Instrumente möglich ist? Zu Recht ist die Aufmerksamkeit auf junge, erfolgreiche Unternehmen gelenkt worden, die auf dem Feld der Biotechnologie aktiv sind und Impfstoffe oder Testverfahren im Gesundheitsbereich vorantreiben: Die Firma YUMAB in Braunschweig ist dafür ein Beispiel, entstanden aus der Initiative der Wissenschaftler vor Ort.

Die zwangsläufige Offenheit der letzten Wochen für Neues, für neue Informationen und für neue Arbeitsformen müssen wir uns auch für die Zeit nach der Krise bewahren. Auch die Fähigkeit, Irrwege schnell einzugestehen und neue, bessere Antworten zu suchen. Auch dabei kann die Wissenschaft ein Vorreiter sein.

Alle Teile der Serie finden Sie hier.

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