Eine gespenstische Szene: SPD-Parteichef Sigmar Gabriel beendet seine Rede auf dem Landesparteitag der niedersächsischen Genossen – und viele Hände rühren sich nicht. Nicht wenige bleiben sitzen. Die Kluft zwischen dem Bundesvorsitzenden und Teilen der niedersächsischen Basis ist nicht nur zu spüren, sondern mit Händen zu greifen an diesem Sonnabend in Braunschweig. Gabriel erreicht viele Mitglieder nicht mehr. Die verheerenden aktuellen Umfragen scheinen die SPD-Basis regelrecht zu lähmen. Und wem die Genossen in Niedersachsen die Schuld geben, wird ebenso klar: Denen da oben mit Gabriel an der Spitze. Gabriels verkappte Rücktrittdrohung beweist zugleich, wie dünnhäutig der Parteichef mittlerweile auf solche Signale reagiert. Verständlich, dass Spekulationen wabern, wie lange Gabriel noch durchhält. Eine Wette fällt schwer.

Dass Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil seinen Bundesvorsitzenden nach Kräften lobt, hat viel mit Überzeugung zu tun, aber auch mit Kalkül. Wer sollte es denn machen, wenn Gabriel nicht mehr will? Die Riege potenzieller Nachfolger weist mehr Lücken auf als Kandidaten. NRW-Regierungschefin Hannelore Kraft hat nach Fehlern und Pannen an Strahlkraft massiv eingebüßt. Bleiben nur noch zwei Schwergewichte neben der rheinland-pfälzischen Landtagswahlsiegerin Malu Dreyer in der SPD-Führungsriege: Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz und eben der Niedersachse Weil. Eigentlich mahnt die Liste der gescheiterten Landespolitiker an der Bundesspitze der SPD – von Rau über Beck bis Platzeck – jeden, von solchen Ambitionen die Finger zu lassen. Aber der Druck kann zugleich gewaltig sein.

Wer die Schuld für den Umfrage-Niedergang der SPD bei Gabriel ablädt, muss sagen, welche Alternative er sieht. Beispielsweise als Kanzlerkandidat. Den Vorsitzenden durch fehlende Unterstützung noch weiter zu beschädigen, kommt politischem Suizid gleich. Eine schwer angeschlagene Bundes-SPD wird am Ende auch nicht ohne Folgen für eine bislang erfolgreiche Niedersachsen-SPD in der Landesregierung bleiben. Wer anderes glaubt, darf weiter träumen.