Ach hätte er doch geschwiegen! Finanzminister Wolfgang Schäuble hat durch seinen Vergleich der Krim-Krise mit dem Vorgehen der Nazis gegen die Tschechoslowakei zum einen einen intellektuellen Bock geschossen und zum anderen ein bezeichnendes Licht auf die unterirdische Qualität politischer Debatten geworfen. Wenn man hierzulande nicht mehr weiter weiß, dann bemüht man eben einen Nazi-Vergleich. Will man jemanden in einer Diskussion erledigen, packt man die Nazi-Keule aus.

Davon sind selbst vermeintliche Lichtgestalten nicht frei. 2008 verglich Helmut Schmidt Oskar Lafontaine mit Hitler. Lafontaine hatte seinerseits Schmidt „Sekundärtugenden, mit denen man ein KZ betreiben kann“, unterstellt. 2009 musste sich Thilo Sarrazin während der Diskussion um sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ einer Flut derartiger Vergleiche erwehren. Und nun also Schäuble.

Sein Vergleich des russischen Vorgehens auf der Krim mit der NS-Politik ist schon im Ansatz falsch: Geschichte wiederholt sich nicht. Jeder historische Vorgang ist wegen der Umstände und Einflüsse, denen er unterliegt, vollkommen einmalig. Die internationale Lage war 1938 eine grundlegend andere, als sie es heute ist. Das politische System Russlands ist in keiner Weise mit der Nazi-Diktatur vergleichbar. Schäubles Aussagen sind mithin unsinnig. Weil das so ist, sollte man auch jeden Versuch vermeiden, aus historischen Situationen „für die Gegenwart zu lernen“. Beispiel: Während Hitler 1938 durch entschlossenes militärisches Vorgehen der Westmächte hätte gestoppt werden können, würde ein solcher Versuch im Krimkonflikt heute zu einem Atomkrieg führen.

Doch im Grunde haben Nazi-Vergleiche ja eine ganz andere Funktion. Sie sollen den Denunzierten aus der Debatte ausschließen und den Denunzianten moralisch rechtfertigen. Wer will schließlich mit jemandem diskutieren, der einer Ideologie des Massenmordes anhängt?

Man kann Nazi-Vergleiche leider nicht verbieten. Man sollte aber ihren Mechanismus durchschauen. Fast immer kann man im Übrigen sicher sein, dass derjenige, der diese Keule schwingt, unredlich ist und unter allen Umständen seine Deutungen als alleinige Wahrheiten etablieren will.

Dr. Alexander Will
Dr. Alexander Will Mitglied der Chefredaktion (Überregionales), Leiter Newsdesk