Bremen - Es war der 6. Spieltag in der Vorsaison, als Borussia Dortmund dank eines 4:2 bei Bayer Leverkusen die Tabellenspitze der Bundesliga erklomm. Der BVB begeisterte, er spielte erfrischend mutig, er verzückte die Fans auch, weil mit so einem starken Start unter Neu-Trainer Lucien Favre nicht unbedingt zu rechnen war.
Ein Jahr später ist von dieser Stimmung rund um den BVB nicht mehr viel übrig – und das liegt nicht an der verspielten Meisterschaft. Vielmehr klafft nach den erstklassigen Sommer-Transfers und den danach offensiv formulierten Meisterträumen beim BVB eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Wie sehr die gesteigerte Erwartungshaltung die Dortmunder beschäftigt, beweist die Dünnhäutigkeit in den Interviews nach den Punktverlusten gegen Frankfurt und Bremen. Kapitän Marco Reus kann die „Mentalitätsscheiße“ nicht hören, Torwart Roman Bürki fehlt der „Killerinstinkt“ und spricht seinen Kollegen den „Männerfußball“ ab.
In dieser Phase wird auch deutlich, dass Favre zwar ein ausgefuchster Trainer, aber kein gekonnter Moderator in schwierigen Situationen ist. Der Schweizer gibt sich zu oft schmallippig. Er lenkt dann gern ab in Interviews, tiefere Einblicke in sein eigenes oder das Seelenleben seines Teams gibt er ohnehin nicht.
Im emotionalen Ruhrpott kann Favre die Leute so nur schwerlich begeistern. Die stagnierende sportliche Entwicklung muss er schleunigst wieder in Gang bringen, soll keine ernstzunehmende Trainerdiskussion entstehen. Und vielleicht lässt er sich ja auch mal von seinem Nebenmann Florian Kohfeldt inspirieren. Der genießt nämlich bei Werder und rund um Bremen einen derart hohen Stellenwert, weil er Schwächen klar und deutlich analysiert, weil er Enttäuschungen unverhohlen formuliert, Freude herauslässt und Prozesse innerhalb seines Teams offen erklärt. Das nimmt die Fans mit und würde der unruhigen Dortmunder Stimmungslage derzeit gut tun.
