Herr Linnemann, Sie sprechen ja gern Klartext. Also: Warum gelingt es der Union nicht, in den Umfragen vom Dauerstreit der Ampel-Parteien zu profitieren?

LinnemannSo ganz stimmt diese Analyse ja nicht. Wir liegen in Umfragen deutlich vorn und ohne oder gegen uns könnte derzeit keine Regierung gebildet werden. Aber wahr ist auch: Wir sind nicht da, wo wir sein wollen. Wir haben bei der letzten Bundestagswahl so richtig Vertrauen verloren. Auch ich habe das unterschätzt. Daraus ist leider ein Narrativ entstanden, die letzten 16 Jahre seien an allem schuld. Das hat sich verankert, obwohl es Unsinn ist. Ich habe aber das Gefühl, das ändert sich gerade.

Wieso? Die Werte für die CDU sprechen dagegen.

LinnemannDas nächste halbe Jahr wird entscheidend für die Union sein. Wir werden die Hauptpflöcke für unsere inhaltliche Ausrichtung einschlagen und arbeiten kontinuierlich an unserem Profil. Ende des Jahres wird unser Grundsatzprogramm fertig sein. Dann sind wir inhaltlich soweit und werden anders wahrgenommen werden.

Ein bisschen spät, oder? Wäre die Union jetzt überhaupt regierungsfähig?

LinnemannJa, sofort. Gerade in der Wirtschaftspolitik würden wir jetzt ganz klar besser als die Regierung handeln. Die Ampel laviert ziellos umher. Wir würden nicht zaudern oder zögern, sondern machen.

Aber die Union dringt bei Wirtschaftsthemen nicht wirklich durch. Ist das überhaupt noch ihre Kernkompetenz?

LinnemannDas sehe ich anders. Wir stellen uns den Realitäten. Ich rede jeden Tag mit Mittelständlern, denen derzeit die Luft zum Atmen fehlt. Der Bundeskanzler redet hingegen die Lage schön. Das ist brandgefährlich. Die Ampel muss den Bürgern und Unternehmen endlich eine Perspektive bieten.

Welchen Weg würde die Union gehen?

LinnemannUnser Weg wäre ein anderer. Wir würden für Planungssicherheit sorgen. Ich kenne im Moment keinen Handwerker, der diese hat. Die hohen Energiekosten sind für alle ein Problem, sie müssen runter. Wir fordern deswegen, die Energiesteuern und -abgaben sowie die Netzentgelte zu senken. Die Bundesregierung hat es geschafft, nicht zuletzt durch ihr Heizungsgesetz, auch noch den Letzten zu verunsichern. Bei sechs bis sieben Prozent Inflation ist es unverantwortlich, ein Gesetz einzubringen, ohne sich darüber Gedanken zu machen, wie die Bürgerinnen und Bürger das bezahlen sollen. Wir werden das Gesetz im Bundestag ablehnen.

Auch fehlende Fachkräfte hemmen die Wirtschaft. Was schlagen Sie vor?

LinnemannDie Regierung fliegt das ganze Jahr durch die Welt und schließt irgendwelche Abkommen. Bisher mit mäßigem Erfolg. Diese Motivation würde ich gerne auch sehen, um das Fachkräftepotenzial hierzulande zu heben. Dass 600 000 Menschen zwischen 18 und 24 Jahren weder eine Ausbildung haben noch arbeiten gehen, das kann nicht so bleiben.

Das heißt?

LinnemannWir müssen zum einen dafür sorgen, dass junge Menschen wieder ausbildungsfähig werden. Für unseren Mittelstand und das Handwerk ist das elementar. Darüber hinaus haben wir Hunderttausende von Menschen, die neben einem Hauptjob einen Minijob haben. Sie gehen diesen Weg, weil Überstunden besteuert werden und sie ihren Verdienst aus dem Minijob voll behalten können. Das ist doch ein klarer Fehlanreiz. Überstunden bei Vollzeitjobs müssen steuerlich freigestellt werden. Auch für Rentner, die freiwillig länger arbeiten wollen, brauchen wir Anreize. Sie sollten im Monat 2000 Euro steuerfrei dazuverdienen können. Hunderttausende von Rentnern werden wieder mehr in der Tasche haben. Ich plädiere dafür, das einfach mal auszuprobieren. Damit lösen wir zumindest einen Teil des Fachkräftemangels in Deutschland.

Bleibt die Union bei ihrem Vorhaben einer großen Steuerreform?

LinnemannGanz klar: Ja. Es ist doch paradox, dass die Mittelschicht heutzutage den Spitzensteuersatz zahlt. Ein Single etwa ist in Deutschland mit 48,6 Prozent an Abgaben und Steuern belastet. Das ist doch Irrsinn, mit Belgien sind wir da Spitzenreiter weltweit.

Viele Bürger leiden auch unter steigenden Mieten. Was halten Sie von den SPD-Plänen einer Miet-Begrenzung?

LinnemannDie Bundesregierung hat ihre Versprechen, 400 000 neue Wohnungen im Jahr zu bauen, gebrochen. Es fehlen 700 000 Wohneinheiten in Deutschland. Der Wohnungsmarkt ist tot. Das Bauhandwerk hat keine Perspektive. Eine neue Mietbegrenzung bringt nichts. Im Gegenteil: Sie würgt den Bau neuer Wohnungen ab. Einer unserer Vorschläge lautet: Die Grunderwerbssteuer muss weg für die erste Immobilie. Das würde in einem ersten Schritt helfen.

Noch mal zurück zum Klartext. Haben Sie Friedrich Merz nach seinen AfD-Äußerungen den Kopf gewaschen?

LinnemannNein, habe ich nicht. Unsere Haltung zur AfD war, ist und bleibt klar.

Sollte der Kanzlerkandidat vor oder nach den Landtagswahlen im Osten nächstes Jahr gekürt werden?

LinnemannFür beide Möglichkeiten gibt es plausible Gründe. Aber ganz ehrlich: Diese Fragen bekomme ich nur in Berlin gestellt. Vor Ort hat man aktuell ganz andere Probleme.