Von allen Errungenschaften der chinesischen Wirtschaft der letzten 20 Jahre sticht die Technologiewirtschaft besonders hervor. Einige Beispiele veranschaulichen den gigantischen Fortschritt auf diesem Sektor.
Auf der E-Commerce Plattform Alibaba laufen jährlich doppelt so viele Transaktionen wie auf Amazon, obwohl das Geschäft von Alibaba fast ausschließlich auf dem chinesischen Heimatmarkt generiert wird. Der Technologiekonzern Tencent erfand die weltweit beliebteste Super-App WeChat mit über einer Milliarde Nutzern. WeChat ist so etwas wie WhatsApp, PayPal, Twitter, digitales Reisebüro und so weiter – gebündelt in einer Anwendung. Ohne WeChat geht in China nichts.
Sogar der amerikanische Mitfahrdienstpionier Uber hatte in China keine Chance gegen den lokalen Platzhirsch Didi Chuxing und entschloss sich, sein Chinageschäft an den Wettbewerber zu verkaufen. Didi war der amerikanischen Technik überlegen und hatte den längeren Atem.
Der Betriebswirt Diederich Bakker promovierte an der Universität Oldenburg und ist Professor für internationale Betriebswirtschaft an der Hanze University of Applied Sciences in Groningen. Er lehrt und forscht zu Themen des internationalen Marketings und Entrepreneurship. Dr. Bakker ist Gastprofessor in Wuhan, China und in den Führungsgremien der European Association of International Education und dem Network of International Business Schools aktiv. (Foto: Will)
2021 hatte die digitale Wirtschaft einen Anteil von 40 Prozent am chinesischen Bruttoinlandsprodukt. Tendenz weiter steigend. Im Ranking der digitalen Wettbewerbsfähigkeit liegt Deutschland schon hinter China. Das Land verfügt auch über das weltweit größte 5G-Netzwerk. Während wir uns in Deutschland noch von einem Funkloch ins nächste hangeln, ist man in China schon zwei Schritte weiter. Die unglaubliche Größe des Landes, gepaart mit den aggressiven Plänen, das 5G-Netzwerk weiter auszubauen, sollen dem Land dabei helfen, einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil zu erlangen. Vernetzte Menschen und Geräte durch das High-Speed Internet erlauben neue Anwendungen und die Sammlung gigantischer Datenmengen. Letzteres ist in unserer vernetzten Welt die essenzielle Erfolgswährung.
China, die ehemalige Werkbank des Westens, drängt in neue Bereiche vor und stellt sogar die Vormachtstellung der USA im Technologiesektor infrage. In den Bereichen E-Gesundheit und Künstliche Intelligenz ist man im Reich der Mitte schon ganz weit vorn. So entstehen vor Ort Internetgiganten, wie man sie nur aus den USA kennt.
Waren es chinesische Firmen in der Vergangenheit, die vornehmlich darauf bedacht waren, westliche Innovationen zu kopieren, hat sich das Blatt gewendet. Besonders im zukunftsträchtigen digitalen Sektor kopiert der Westen schon mal den Osten. Ein Unternehmen, auf das die Branche gerade besonders schaut, ist das 2012 gegründete Start-up Byte Dance, das 2016 in China die Kurz-Videoplattform Douyin und ein Jahr später die westliche Variante Tik Tok gründete. Im Jahr 2021 wurde Byte Dance mit 140 Milliarden Dollar bewertet, was es zum wertvollsten Start-up seiner Zeit machte. Der Umsatz beläuft sich derzeit auf 12 Milliarden Dollar – 2024 soll es das Doppelte sein. Das entspricht ungefähr dem Umsatz der deutschen SAP AG.
Auf Tik Tok, der inzwischen wichtigsten Byte Dance-Plattform, laufen kurze Videos, die in einem endlosen algorithmischen Feed erscheinen, der auf künstlicher Intelligenz beruht. Solche mobilen Applikationen sind in China der Hit. Kein Wunder, denn im Durchschnitt verbringen die Menschen dort jeden Tag fünf Sunden im mobilen Internet. Und Tik Tok funktioniert auch gut in Deutschland, wo die werberelevante Zielgruppe der 14bis 49-Jährigen bislang am liebsten auf Instagram und Snapchat verweilte. Tik Tok hat es seit der Gründung 2017 auf mehr als eine Milliarde Nutzer gebracht. Dafür brauchte Facebook seinerzeit doppelt so lange.
Vor einigen Jahren haben die Social-Media Platzhirsche aus dem Silicon Valley solche Konkurrenz aus Fernost sicher nicht ernst genommen. Inzwischen machen sie alle die Tik Tok-Kurz-Videos, ganz in der gelernten chinesischen „Copycat“-Manier: Facebook und Instagram machen jetzt in „Reels“ und bei Google heißt es YouTube Shorts. Auch bei Snapchat Spotlight hat man eigentlich das Gefühl, sich auf der Tik Tok-Plattform zu bewegen. Mehr Kopie geht kaum.
Während Tik Tok aus dem Alltag der globalen sozialen Media-Aufmerksamkeit nicht mehr wegzudenken ist, muss man sich mit dem Thema Datensicherheit einer auf chinesischen Servern geführten App kritisch auseinandersetzen. In Indien wurde Tik Tok bereits verboten und unter Ex-US-Präsident Trump scheiterte der Versuch, den amerikanischen Teil der Plattform abzuspalten. Grundsätzlich behält sich die chinesische Regierung das Recht vor, jegliche Daten von Firmen anzufordern, die in China ansässig sind. Amerikanische Gesetze zur Internet-Privatsphäre sind übrigens ähnlich schwach, was Amerikaner tendenziell zu unkritischeren Internet-Konsumenten macht. Deswegen wundert es wenig, dass Tik Tok in Amerika besonders erfolgreich ist. In Deutschland schauen die Datenschützer dagegen genauer hin. Hinzu kommt, dass die chinesische Regierung Algorithmen zur Content-Empfehlung, also genau die Technik, die Tik Tok in seinen nicht enden wollenden Feeds einsetzt, kürzlich als Schlüsseltechnologie eingestuft hat. Byte Dance hat sich dem Druck gebeugt und lässt inzwischen externe Beobachter auf den Algorithmus schauen.
Das wird immer wichtiger, denn was einst als Plattform für Tanzvideos beliebt war, wird mehr und mehr als Nachrichtenquelle genutzt. Hier liegt, wie bei allen sozialen Medien, die Gefahr für Manipulation und Fake News. Videos der gerade aufflammenden Proteste gegen die strikte Null-Covid-Strategie in China sind bei Tik Tok präsent. Auf der chinesischen Variante Douyin fallen sie hingegen der Zensur zum Opfer. Das stellt ein Dilemma für global aufstrebende chinesische Internetkonzerne dar. Deren Produktinnovationen sind kulturübergreifend kompatibel und haben das Potenzial, äußerst erfolgreich zu sein – bei der Corporate Governance hakt es jedoch noch.
