Oldenburg - Nein – das Virus ist nicht weg. Es steht vielmehr zu erwarten, dass wir noch lange damit leben müssen. Trotzdem gibt schon jetzt zwei wesentliche Erfahrungen, und sie sollten das politische Handeln in Zukunft maßgeblich mitbestimmen.
Erstens: Wissenschaftliche Erkenntnisse sind niemals abschließende und ewige Wahrheiten. Wissenschaft ist ein Prozess. Wissenschaft bringt Irrtümer mit sich. Wissenschaft ist fehlbar.
Zweitens: Die in Deutschland grassierende Verachtung der individuellen Freiheit untergräbt die Fundamente der demokratischen Ordnung. Sie führt in die Zwangskonformität, in Abgründe des Kollektivismus, in die Unfreiheit.
Autor dieses Textes ist Alexander Will (50). Er schreibt für unsere Zeitung über deutsche und internationale Politik und ist Mitglied der Chefredaktion. (Foto: Bichmann)
Bernard-Henri Lévy, der französische Philosoph, macht darauf in seinem Anfang August erschienen Buch „Das Virus in den Zeiten des Wahnsinns“ aufmerksam. Er zitiert da zum Beispiel den Wissenschaftstheoretiker Gaston Bachelard, der meinte, „wissenschaftliche Wahrheit“ sei nicht mehr als ein „korrigierter Fehler“.
Doch es mag vielleicht eine anthropologische Konstante sein: Der Mensch sucht nach etwas, an das er sich halten kann. Etwas Stabiles, etwas Sicheres. Auch das ist eine Lehre dieser Corona-Monate. Manche finden diese Sicherheit in aberwitzigen Verschwörungstheorien, andere in den scheinbar absoluten Gewissheiten wissenschaftlicher Erkenntnis.
Für die Freiheit des Menschen ist beides gefährlich.
Geistiger Schlamm
Wer den Youtube-Propheten vom Schlage eines Atilla Hildmann an den Lippen hängt, findet eben nicht das freie Denken, sondern verklebt seinen Geist mit Schlamm aus den Gossen politischer Phantasterei, über die hier kein Wort mehr zu verlieren ist. Aus dem bedingungslosen Glauben an wissenschaftliche Unfehlbarkeit ergibt sich leicht die Rechtfertigung aller möglichen staatlichen Maßnahmen, seien sie auch noch so freiheitsfeindlich.
Wie geht es weiter nach Corona? In einer lockeren Serie werden Haus- und Gastautoren unserer Zeitung diese Frage in den nächsten Wochen diskutieren. Dabei geht es sowohl um politische Fragen, die dringend nach einer Entscheidung verlangen als auch um persönliche Erfahrungen sowie um Sport, Wirtschaft, Bildung und Mobilität.
Da gab es tatsächlich in Deutschland Menschen, die es während des Lockdowns super fanden, dass die Polizei Menschen belangen wollte, die auf einer Bank im Freien ein Buch lasen. Es gab Denunzianten, die ihre Nachbarn anzeigten, weil sie Freunde in ihren Häusern empfingen. Es gab Leute, die in sozialen Medien ein Video bejubelten, das zeigte, wie Polizisten in Pakistan einen Mann ohne Mundschutz verprügeln und die sich Derartiges auch in Deutschland wünschten.
In jedem Fall folgt aber aus absolutem Glauben der Ruf nach einem „starken Staat“, der diese vermeintlichen Gewissheiten in gesellschaftliche Realität übersetzt. Solche Autoritätssehnsucht bedient den historisch bekannten, freiheitsmüden inneren Schweinehund der Deutschen, wie er sich auf das Feinste Anfang August in einem Essay der „Leipziger Volkszeitung“ enttarnte. „Vielleicht“, war da zu lesen, „wäre ein bisschen mehr strengere Regulierung nicht schlecht. Immerhin müsste man dann vieles nicht mehr selbst entscheiden.“
Sehnsucht nach Bevormundung
Es ergibt sich aus dieser Sehnsucht nach dem Großen Bruder, der einen wohlwollend-streng an die Hand nimmt, die Stigmatisierung all jener als halbe Verbrecher, die all das in Frage stellen – oder einfach nur Fragen stellen. Das wiederum treibt nicht wenige ernsthafte, kluge und nachdenkliche Menschen in die Arme erwähnter Youtube-Propheten. Damit bringen der Unfehlbarkeitsglaube und in seinem Gefolge der Ruf nach dem starken Staat gleich in doppelter Hinsicht Unfreiheit.
Lévy diagnostiziert eine gesellschaftliche Besessenheit mit „Gesundheit“. Alle sozialen und politischen Probleme würden auf ,,Infektionen” zurückgeführt werden, die „geheilt“ werden müssten. Der Wille zur Heilung werde zum Muster des politischen Handelns. Er zieht eine Parallele zur Eugenik der 30er Jahre und warnt vor der politischen Herrschaft der Ärzte.
Selbst wenn „die Ärzte“ ganz sicher nicht den Staat beherrschen: Letzterer ist in der Krise größer und mächtiger geworden. Mehr Staat bedeutet aber in jedem Fall weniger persönliche Freiheit. Wo ein Körper ist, kann kein anderer sein.
Abwehrrechte verteidigen
Für den Staat und die ihn tragenden Parteien kommt dabei der Appetit beim Essen. Der „starke Staat“ zeigt immer Tendenzen zum Bläh-Staat. Aus gutem Grund sind die Freiheitsrechte jeder Verfassung und vor allem der großartigsten von allen, der US-Konstitution, Abwehrrechte gegen den Staat. Genau die gilt es, mit aller Macht zu verteidigen.
In Deutschland ist heute das Gegenteil der Fall. Verbote, Reglementierung, Gängelung des Einzelnen und Zwang werden hier als Tugenden etikettiert. Was soll da nicht alles verboten werden! Die Grünen möchten den privaten Waffenbesitz, Eigenheime, Werbung für Fastfood, die Vernichtung von Retouren, Ölheizungen, Luftballons und so weiter verbieten. Die SPD profiliert sich als Enteignungspartei und betreibt damit de facto das Verbot der freien Verfügung über Privateigentum.
Unterdessen verabschiedet die Politik in Deutschland und Europa monströse „Corona-Programme“, die in einen nie gekannten Schuldenabgrund führen und mit denen genau das ausgebügelt werden soll, was die politisch gewollte Vollbremsung der Ökonomie angerichtet hat. Am Ende werden all das diejenigen teuer bezahlen, denen da mutmaßlich geholfen werden soll – und ihre Nachkommen bis ins x-te Glied.
Weniger Staat
Zeitgleich verschafft sich der Staat durch den Einstieg in Großunternehmen Zugriff auf Marktakteure. Durch die Hintertür wird er immer mehr zur bestimmenden Kraft der Ökonomie und schaltet den Markt aus, beziehungsweise reduziert ihn zu einem Scheinmarkt. Nicht umsonst warnt die Monopol-Kommission bereits vor „sozialistischen Träumen“.
Was das nun konkret politisch bedeutet? Das ist einfach. Es bedeutet unmittelbar: Bloß keinen neuen Lockdown! Das überlebt die Wirtschaft nicht. Der Hamburger Ökonom Thomas Straubhaar empfiehlt: Nur noch eingreifen, wo die Zahl der Erkrankten die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems bedroht: „Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben. Leben bedeutet, Risiken abzuwägen, nicht Risiken auszuschließen.“
Auf längere Sicht sollte Deutschland dann endlich einmal auf die Initiative und die Verantwortung des einzelnen, weniger auf den Staat setzen. Letzterer sollte zurückgeschnitten werden, sowohl in seiner physischen Erscheinung als auch in seinen Zuständigkeiten. Steuern müssen runter, gängelnden Regeln weg. Freihandel hat die Welt besser gemacht, und wir sollten ihn deswegen verteidigen. Und schließlich müssen die Deutschen endlich die historische Lektion lernen, dass jeder wie auch immer angepinselte Sozialismus Krisen verschärft, sie aber niemals löst.
Die Angst verbannen
Im Übrigen ist es aber an der Zeit, die alles lähmende Angst im Land endlich los zu werden. Die Corona-Krise unserer Lebenszeit ist nichts im Vergleich zu dem, was etwa ein um 1900 in Deutschland Geborener er- und überleben musste: zwei Weltkriege, Totalzerstörung seiner Heimat, mehrfacher Völkermord, Shoah, Vertreibung, zwei Diktaturen, eine wirklich grauenhafte Grippe-Pandemie, Hyperinflation mit Verlust aller Geldwerte, eine massive Wirtschaftskrise. Wer wollte da, bitte sehr, tauschen?
Der Text zum Anhören:
