Hamburg - Er habe sich in mir getäuscht, schrieb mir kürzlich ein alter Freund am Ende ermüdender E-Mails, ich hätte meinen investigativen Schneid verloren. Hinter meiner vermeintlichen Ignoranz witterte er Arroganz: Denn er, in Spanien lebender Argentinier, wollte mich, die deutsche „Spiegel“-Journalistin, dazu bringen, über ein Medikament gegen Covid-19 zu recherchieren, das Ärzte in Bolivien erprobt hätten – und zwar weit vor westlichen Forschern.
Zu seiner Enttäuschung schenkte ich der Kunde vom Wundermittel Chlordioxid keine Beachtung.
Annette Bruhns: Die Journalistin und Buchautorin (Jahrgang 1966) ist seit 1995 Redakteurin beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in Hamburg.
Mehr als 30 Jahre waren wir befreundet. Jetzt ist da etwas zerbrochen. Der Riss ist einer, der auch die deutsche Gesellschaft spaltet. Die Misstrauischen verhöhnen diejenigen, die dem Staat und seinen Behörden noch zutrauen, auf der Basis von Recht und Wissen handeln zu wollen.
Angebliches Komplott
Der Streit wird im Netz ausgetragen. Fast täglich postet mein alter Freund krude Fundstücke zu Corona auf Facebook. Wenn in Berlin wie am vergangenen Wochenende Demonstranten auf die Straße gehen, marschieren Leute wie mein Bekannter virtuell mit. Man gratuliert sich gegenseitig zum Widerstand: gegen ein angebliches Komplott zwischen Bill Gates, der Pharmaindustrie und der Weltgesundheitsorganisation – orchestriert von willfährigen, korrupten Journalisten.
Sie wissen, dass da Nazis mitmarschieren, Nazis, die Einwanderer wie meinen Bekannten ablehnen. Aber er und seine neuen Freunde halten Redakteurinnen wie mich jetzt offenbar für gefährlicher. In ihren Augen sind wir Kollaborateure dieser Übermächtigen, die hinter den Kulissen die Strippen ziehen würden. Sie sind getrieben von einer Mission: eine verblendete, verführte, verkaufte Welt zu retten. Sie wollen die Menschheit vom Joch der Masken befreien, von PCR-Tests, die nichts taugten, von drohenden Zwangsimpfungen. Das Lachen über diese Vorstellungen blieb einem spätestens im Hals stecken, als diese neuen Wutbürger vereint mit Rechtsradikalen auf der Treppe des Reichstags posierten.
Viele Corona-Skeptiker sind klug. Mein Freund hat studiert, er liest viel, in vielen Sprachen. Aber was Covid-19 angeht, vertraut er trüben Quellen. Wie konnte es so weit kommen? Sicher, die Pandemie hat meinen Bekannten schwer getroffen. Seit dem Lockdown und angesichts ausbleibender Touristen bangt er um seine Existenz. Ein Schmuckgeschäft, in bester Lage in Barcelona, ist derzeit kein Garant für wirtschaftliches Überleben.
Es ist verständlich, dass diejenigen, deren Einnahmen durch die Corona-Restriktionen bedroht sind, sich immer wieder fragen: Muss das wirklich sein? Wer ist schützenswerter: junge Familien oder alte Menschen? Diese Frage stellen sie implizit, wenn sie wieder und wieder anführen, dass ja „fast nur vorerkrankte“ Menschen an Corona stürben, meistens „über 80 Jahre alt“. Es ist verständlich, aber im Ergebnis schäbig. Alte kranke Menschen zu opfern, damit jüngere wirtschaftlich besser dastehen: Diese Abwägung ist unethisch und bedeutet das Ende jeglicher Humanität. Diesen Vorwurf mache ich auch meinem Argentinier, der sich selbst für links hält, naturverbunden, kinderlieb.
Verantwortlich sind aber auch diejenigen, die solchem Gedankengut Vorschub leisten, vermeintliche Experten, die unseriöse Thesen propagieren. Gemeint sind approbierte Mediziner, und zwar nicht nur im fernen Bolivien. Der dreifache Facharzt Wolfgang Wodarg, früher SPD-Bundestagsabgeordneter, verbreitet, es gäbe gar keine echte Pandemie, und untermauert das mit Grafiken und pseudowissenschaftlichen Aussagen. Der Rechtsmediziner Klaus Püschel, Forensiker am UKE, hat erklärt, die meisten von ihm obduzierten Corona-Patienten wären sowieso bald an anderen Krankheiten gestorben – eine Behauptung, die in den globalen Echoräumen des Internets widerhallt. Als könnte man mit Gewissheit sagen, wie lange Patienten noch zu leben haben.
Mal „die Klappe halten“
Befremdet hat mich auch Frank Ulrich Montgomery, Weltärztepräsident aus Deutschland, als er im April die neue Maskenpflicht scharf kritisierte. Anfang August räumte Montgomery dann ein, dass die Kritik falsch war, er einem „wissenschaftlichen Irrtum“ aufgesessen sei. Der Mann ist halt Radiologe und nicht Virologe! Umso mehr sollte er nicht falsche Annahmen zu Sinn und Unsinn von Masken im Brustton weltärztlicher Autorität vortragen.
Wenn Mediziner heute vollmundig unbewiesene Thesen verbreiten, tragen sie nicht nur dazu bei, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu zerstören. Sie riskieren, letztlich, Leben.
Zur Erfüllung des hippokratischen Eides gehört auch, im Zweifel die Klappe zu halten.
