Das Referendum in der Türkei wirft zum einen Fragen zum Umgang mit Ankara auf (siehe oben). Zum anderen ist es auch ein aufschlussreicher Indikator für den Zustand der auslandstürkischen Gemeinschaft in Deutschland sowie der Lage im „Einwanderungsland“ Deutschland. Mit beidem steht es nicht zum besten.
Um das zu belegen, ist ein Blick auf das Ergebnis hilfreich. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğgan hat nämlich ein strukturelles Problem am Hals. Diejenigen, die einst von seinen wirtschaftlichen Reformen profitierten, die ökonomischen Eliten, scheinen sich von ihm abzuwenden. Diesen in der Regel jüngeren, erfolgreichen Angestellten und Selbstständigen gehen seine Machtallüren wohl zu weit. In den wichtigen, von Industrie, Handel und modernen Dienstleistungen geprägten Regionen wie Istanbul, Ankara, Mersin, Adana oder Izmir haben die Nein-Sager die Nase vorn. Erdogan führt in den rückständigen landwirtschaftlichen, von Klientelwirtschaft und Tribalismus zerrütteten, zentralanatolischen Gebieten, in denen sich seit 50 Jahren sozial und ökonomisch kaum etwas verändert hat. Von dort kamen nach dem Anwerbe-Abkommen von 1961 die meisten türkischen Gastarbeiter nach Deutschland. Mehrheitlich haben auch sie für Erdogans „Reform“ gestimmt. Man kann daraus schließen, dass autoritäre, paternalistische und demokratieferne Prägungen sich in dieser Gruppe über Generationen vererbt haben, ähnlich wie in der alten Heimat. Hier hat sowohl der deutsche Staat als auch die türkische Gemeinschaft versagt, denn Einwanderung ist nun einmal keine Einbahnstraße.
Anderen westlichen Ländern, in die vor allem hoch qualifizierte Türken eingewandert sind, haben diese Probleme übrigens nicht: In den USA stimmten fast 84 Prozent gegen Erdogan, in Großbritannien fast 80.
