Der Absturz des einstigen Überfliegers könnte brutaler kaum sein. Die dreijährige Haftstrafe für Thomas Middelhoff überraschte Prozessbeobachter und den Angeklagten gleichermaßen. Das Urteil fiel zweifellos hart aus. Ungerecht aber ist es nicht. Untreue und Steuerhinterziehung sind schwer wiegende Straftatbestände.
Weniger der ausgeprägte Hang zu teuren Privatjet- und Hubschrauberflügen wurde dem 61-Jährigen zum Verhängnis, sondern vielmehr seine teils abstrusen, sich widersprechenden Aussagen vor dem Essener Landgericht. Auf der Anklagebank sitzend ließ der frühere Vorstandsvorsitzende von Bertelsmann und Arcandor (Quelle und Karstadt) alle jene Qualitäten vermissen, die ihn viele Jahre lang zum Liebling der Wirtschafts-Fachmedien machten. Von seiner fast schon sprichwörtlichen rhetorischen Gabe, Widersacher zu überzeugen, blieb nichts als der teilweise peinliche Versuch, Verantwortung auf andere abzuwälzen. Auch sein Charme, dem nicht nur Madeleine Schickedanz erlegen war, verfing vor den Richtern nicht.
Es war der erfolgreiche Vorstandschef und spätere Bertelsmann-Aufsichtsrat Mark Wössner, der Thomas Middelhoff den Karriereweg im Konzern bis an die Spitze ebnete. Mitarbeiter sprachen damals voller Ehrfurcht von „Big T“, wenn sie Middelhoff meinten. Der schier unaufhaltsame Abstieg begann unmittelbar nach seinem größten Scoop, dem Verkauf der AOL-Anteile, der Bertelsmann siebeneinhalb Milliarden Euro in der Kassen spülte.
Nach dem Abgang Wössners erlosch der Stern Middelhoffs im Konzern. Die Bertelsmann-Eigentümerfamilie Mohn setzte den ehemaligen „Manager des Jahres“ vor die Türen in Gütersloh. Sie misstrauten seinem Kurs, obwohl er viele Entwicklungen rund um das Internet richtig vorhergesehen hatte. Im Wirtschaftskrimi um Quelle und Karstadt schien Middelhoff jegliche Erdung zu verlieren – im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinn. Das Drama ist noch nicht beendet: Weitere Prozesse drohen, auch sein Vermögen scheint geschmolzen wie Butter an der Sonne.
Erneut muss ein deutscher Top-Manager hinter Gittern für seinen allzu nonchalanten Umgang mit Geld büßen. Die Liste verurteilter Führungspersönlichkeiten wächst.
