Mit dem Tod von Karl Lehmann verliert die katholische Kirche eines ihrer bekanntesten Gesichter in Deutschland. Zwei Eigenschaften prägen sein Wirken: Erstens seine Menschlichkeit, von der Wegbegleiter beeindruckt berichten. Zweitens die Fähigkeit, Brücken zu bauen. Dank seiner Dialogfähigkeit vermittelte der langjährige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz beispielsweise in Auseinandersetzungen mit und unter seinen Mitbrüdern. Sei es der als erzkonservativ angefeindete Fuldaer Josef Dyba oder der als liberal bezichtigte Limburger Franz Kamphaus: Lehmann hielt die Lager zusammen. In der Ökumene gelang unter Lehmanns Ägide die historische Feststellung zur Rechtfertigungslehre, die über Jahrhunderte als Grund der Kirchenspaltung galt.
Seine Weltoffenheit eröffnete dem Priester Einfluss auch auf der politischen Bühne. Zeit seines Lebens verbunden war Lehmann mit Altkanzler Kohl. 1968 wurde Lehmann Mainzer Bischof, 1969 Kohl Chef der Mainzer Landesregierung. An der Seite von Kohl kämpfte Lehmann für die europäische Einigung. Bezeichnenderweise hielt kein Theologe anlässlich Lehmanns 80. Geburtstag die Laudatio, sondern der damalige EU-Parlamentspräsident Schulz.
Seine Offenheit mag der Grund sein, warum Lehmann gern als liberal bezeichnet wird. Theologisch trifft diese Bezeichnung für den Mitbegründer der Fachzeitschrift Communio, die eine Plattform konservativer Denker ist, eher nicht zu. Lehmann passt in keine Schublade. Er war ein Kirchenmann mit Format, ein Sprachrohr für die Gesellschaft. Als solcher reißt sein Tod eine schmerzhafte Lücke – und das nicht nur für die katholische Kirche.
