Der britische Premierminister David Cameron dürfte vor seinem Besuch bei der Bundeskanzlerin auf vieles eingestellt gewesen sein – nicht jedoch auf einen derartig wohligen Empfang, den Kanzlerin Angela Merkel ihm bereitete. Von Verständnis für die britischen Belange sprach Angela Merkel, und dass man über einiges in Sachen Reformen in der EU reden könne. Das Treffen der beiden Regierungschefs in Berlin am Freitag hat deutlich gemacht: Hier wollen zwei Konservative das Gleiche, nämlich den Verbleib der Briten in der EU. Das Problem: Niemand darf sein Gesicht verlieren.

Für Merkel heißt das, nicht zu viele Zugeständnisse zu machen. Ansonsten kämen wohl noch mehr Mitgliedsländer auf die Idee, Sonderwünsche anzumelden. Das würde eine einheitliche Politik der Staatengemeinschaft weiter verkomplizieren. Zudem würden (wohl auch in Deutschland) antieuropäische Strömungen aufkommen – mit offenem Ende.

Cameron dagegen darf spätestens im Jahr 2017 nicht mit leeren Händen dastehen. Dann will er sein Volk, so hat er es vor seinem überzeugenden Wahlsieg versprochen, über einen Verbleib Großbritanniens in der EU abstimmen lassen. Ein „Ja“ dürfte es nur geben, wenn der Premierminister seinen traditionell EU-kritischen Landsleuten signifikante Verhandlungserfolge vorweisen kann.

Sollte es zum Austritt der Briten kommen, brächte das für beide Seiten Nachteile. Der EU-Binnenmarkt würde arg verkleinert, deutsche Exporte auf die Insel würden erschwert werden. Wie eng verbandelt man ist, macht eine Zahl deutlich: Deutsche Unternehmen haben auf der Insel etwa 120 Milliarden Euro investiert, mehr als doppelt so viel wie in Frankreich und China. Auch umgekehrt gilt: Die britische Wirtschaft will den EU-Markt mit rund 500 Millionen Menschen als Abnehmer nicht verlieren.

International sind die Briten zudem ein wichtiger Machtfaktor. Als ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat sind sie Vetomacht und besitzen darüber hinaus Atomwaffen. Einen derartig starken Partner eng an seiner Seite zu haben, kann nicht schaden. Jetzt gilt es, Brücken zu bauen, über die beide gehen können.

Hermann Gröblinghoff
Hermann Gröblinghoff Politikredaktion (Newsdeskmanager)