Aktionismus tritt in der Politik immer dann zutage, wenn es eine akute Notlage gibt. Und da es durchaus im Bereich des Möglichen liegt, dass bei hohen Infektionswellen im Herbst und Winter, wie im vergangenen Jahr, Eltern wieder durch die halbe Stadt laufen müssen, um Fiebersäfte oder Antibiotika zu bekommen, ist es auch richtig, dass Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) Apotheker und Hersteller an einen Tisch gebracht hat. Auch das Gesetz gegen diese Engpässe aus dem Juli geht in die richtige Richtung. Es macht etwa Vorräte von mehreren Monatsmengen für vielgenutzte Arzneimittel zur Pflicht. Preisregeln sollen gelockert werden, damit sich Lieferungen nach Deutschland für Hersteller mehr lohnen.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Medikamenten-Mangel und zu Lauterbachs Gegenmaßnahmen

Doch ob damit der akute Mangel beseitigt werden kann, ist fraglich. In diese Richtung kann man auch den Appell des Ministers in Richtung Eltern verstehen: Bitte keine Hamsterkäufe! Denn auch mit der Reform ist es oft nicht attraktiv genug für die Pharmafirmen, Medikamente in Deutschland zu produzieren und zu verkaufen, etwa wegen der vorgeschriebenen Festbeträge. Pharmafirmen sind kühl kalkulierende Wirtschaftsunternehmen. Und noch gibt es im Ausland viel mehr zu verdienen .

Klug sind die beschlossenen unbürokratische Regelungen: Dass Apotheken unter anderem die Darreichungsform leichter austauschen können, etwa von Tropfen zu Tabletten, ohne dass Rücksprache mit dem Arzt oder ein neues Rezept nötig sind, ist schlicht ein Gebot des gesunden Menschenverstands und senkt obendrein Kosten für die Krankenkassen. Auch ein Frühwarnsystem des Ministeriums macht Sinn.

Aber was muss langfristig passieren? Es braucht die Bereitschaft von Unternehmen, im Land selbst zu produzieren. Denn auch die Versorgung bei Krebs-, Diabetes- und Schmerzmitteln ist fragil. Und immer nur auf die Politik zu zeigen, ist kein Allheilmittel. Auch die Gewinn-Margen bei Medikamenten müssen auf den Prüfstand.