Diese Woche beginnt in Niedersachsen das Semester. Dann herrscht in Hörsälen und Bibliotheken reges Getriebe, der lange verwaiste Campus füllt sich mit Leben. Viele der jungen Leute, die sich an der Uni auf ihr Berufsleben vorbereiten, wollen Lehrer werden. Das ist ein Glück, denn das Land steuert auf einen Lehrermangel zu, der sich gewaschen hat. Die Gründe dafür sind vielfältig.
Anders als Studenten meiner Generation hat, wer heute in einem Lehramtsstudiengang eingeschrieben ist, eine ungefähre Vorstellung davon, was ihn später erwartet. Praktika gehören dazu, wer ins Referendariat startet, hat eine Schule nicht nur als Pennäler von innen gesehen. Auch das ist gut so, wenngleich die Praxisanteile im Studium mit den Fachanteilen konkurrieren. Weder das eine noch das andere sollte zu kurz kommen. Auf das richtige Gleichgewicht kommt es an.
Schule kann nicht alles richten
In dieser Kolumne war oft von Bildungsthemen die Rede. Mich erreichen dann regelmäßig viele Zuschriften, etliche davon beklagen die Verrohung der Disziplin an unseren Schulen. Wo Lehrer um ihre Sicherheit fürchten und Elternabende unter Polizeischutz stattfinden müssen, ist etwas faul. Die Behörden versuchen, mit Prävention und dem Einsatz von Sozialarbeitern dagegenzuhalten – mit oft leider nur mäßigem Erfolg. Wo Elternhäuser ihren Erziehungsauftrag systematisch verweigern, stößt die Schule schnell an ihre Grenzen. Sie kann nicht alles richten.
Autor dieses Textes ist Michael Sommer. Der gebürtige Bremer ist Professor für Alte Geschichte an der Uni Oldenburg und Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages, der Interessenvertretung der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer in Deutschland. (Foto: privat)
Oder etwa doch? Wie man eine öffentliche Schule mitten im sozialen Brennpunkt zur Eliteanstalt macht, hat in London Katherine Birbalsingh vorgemacht. Die aus Neuseeland gebürtige Pädagogin gilt als „Britain’s strictest headmistress“: als strengste Schulleiterin des Inselreiches, die ihre Zöglinge systematisch zu Höchstleistungen antreibt.
Die Michaela Community School im multikulturellen Stadtteil Wembley Park wird von Schülern besucht, deren Eltern von allen fünf Kontinenten stammen. Besucher staunen, wie gesittet es in der Schule zugeht: Höflichkeit ist Trumpf, und noch die kleinste Disziplinlosigkeit wird bestraft. „Strafe“, „punishment“, ist für Bibalsingh kein Unwort. Kuschelpädagogik hat in ihrer Schule keinen Platz.
„Kaputtes System“
Bereits 2010 hatte die umtriebige Britin, damals noch einfache Lehrerin, auf dem Parteitag der britischen Konservativen eine Suada gegen das bestehende Schulsystem gehalten: Es sei „kaputt“ und sorge dafür, dass die Kinder armer Leute lebenslang arm blieben. Schuld daran sei eine „Kultur der Entschuldigungen“ und der „niedrigen Erwartungen“. Während Lehrern immer mehr Bürokratie aufgehalst werde, herrsche in den Klassenzimmern das nackte Chaos. Birbalsingh wurde nach diesem Auftritt von ihrer eigenen Schule die Kündigung nahegelegt.
Ihre Strategie lässt sich in einem einfachen Satz zusammenfassen: „Früher war alles besser.“ Sie hält „progressive“ Pädagogik, die das Kind in den Mittelpunkt stellt, Kinder voneinander lernen und ihnen jede Menge Unsinn durchgehen lässt, für die Wurzel allen Übels. In der Michaela School sind Lehrer Vorbilder und erklären. Ein Kind, gibt sich Birbalsingh überzeugt, kann nur wissen, was ihm Erwachsene zuvor beigebracht haben. Deshalb ist in Michaela der gute alte Frontalunterricht keineswegs verpönt, Smartphones hingegen schon. Sie haben auf dem Schulgelände nichts zu suchen. Birbalsingh glaubt fest an das Prä des Analogen. Heranwachsenden zum Lernen digitale Suchtmittel an die Hand zu geben, hält sie für Irrsinn.
Freie Schulen, freie Methoden
Möglich wurde Michaela durch eine Reform des britischen Schulwesens, die David Camerons konservativ-liberale Regierung 2010 in Angriff genommen hat. Die Regierung fördert seitdem „freie“ Schulen mit öffentlichen Geldern. Wer, wie Birbalsingh, ein überzeugendes Konzept vorlegen kann, erhält grünes Licht für die Gründung einer Schule, die allein der Schulaufsichtsbehörde Ofsted gegenüber verantwortlich ist. Die stuft die Community School inzwischen als eine der Top-Anstalten des Königreichs ein.
Man muss nicht alles an Birbalsinghs Retro-Pädagogik gut finden. Sie schafft aber sichtbar mehr Bildungsgerechtigkeit als vermeintlich progressive Schulkonzepte. Man sollte außerdem darüber nachdenken, ob der Wettbewerb zwischen verschiedenen Schulmodellen, wie ihn die britische Regierung forciert, nicht als Vorbild auch für Deutschland taugt. Konkurrenz belebt das Geschäft. Das gilt nicht zuletzt in Bildungsfragen.
