Die Staatseinnahmen auf Rekordniveau, die Neuverschuldung auch weiterhin auf null, ein solides Wachstum und so viele Beschäftigte wie nie – glückliches Deutschland, so scheint es am Ende des Jahres 2017. Für Millionen in aller Welt ist es ein Sehnsuchtsort, ein Ziel ihrer Träume. Doch der Wirtschaftsriese Deutschland wirkt plötzlich unentschlossen und nicht mehr berechenbar. Er wankt nicht, aber er zögert und zaudert.

Mit dem erstmaligen Einzug der Rechtspopulisten von der AfD in den Bundestag erlebt die Republik eine historische Zäsur, deren Auswirkungen noch nicht absehbar sind. Ob die Bundestagswahl nur ein Denkzettel-Votum war, um die anderen Parteien wachzurütteln, oder ob sich die Spaltung der Wählerschaft und der Gesellschaft am Ende noch weiter vertieft, ist noch nicht abzusehen, hängt davon ab, wie entschlossen die Reaktion ausfällt.

Auch in Europa heißt es erst einmal weiter warten auf Berlin. Wann haben sich die Deutschen wieder neu aufgestellt? Wo bleibt die neue Regierung, und in welche Richtung wird sie dann steuern?

Nicht nur die Wählerinnen und Wähler hierzulande werden auf die Geduldsprobe gestellt. Auch die europäischen Nachbarn wünschen sich Klarheit. Schließlich steht Europa auch vor einer zukunftsweisenden Richtungsentscheidung, muss sich endlich reformieren und auf die Fliehkräfte reagieren.

2018 darf nicht zu einer weiteren politischen Hängepartie werden, nicht in Deutschland und nicht in Europa. Es ist höchste Zeit, der weiteren Spaltung entgegenzuwirken und den Lippenbekenntnissen zur Stabilisierung des Europäischen Hauses auch endlich Taten folgen zu lassen.

Helmut Kohl, der in diesem Jahr verstorbene Ehrenbürger Europas, hat bis zuletzt wie kaum ein anderer für die Einheit der EU geworben und immer wieder eindringlich gemahnt, das einzigartige Friedensprojekt nicht aufs Spiel zu setzen. Sein Vermächtnis bleibt hochaktuell: „Europa ist unsere Zukunft. Europa ist unser Schicksal.“