Oldenburg - Welchen Preis wir am Ende der Kette unser Fleisch einkaufen, spiegelt die Bedingungen wider, die entlang der vorgelagerten Wertschöpfungskette vorzufinden sind. Die derzeit im Supermarkt aufgerufen Preise schaffen keinen Spielraum für faire Arbeit und faire Tierhaltung, sondern setzen die Arbeiter in den Schlacht- und Zerlegebetrieben enormen gesundheitlichen Risiken aus und erzeugen Bedingungen industrieller tierischer Massenproduktion. Keine Bäuerin und kein Bauer können zu diesen Preisen Ställe betreiben, die hohe Ansprüche an Tierwohl erfüllen. Und die großen Schlacht- und Zerlegebetriebe nutzen den ruinösen Preiswettbewerb als Argumentation (...). Um es klar auszudrücken: Die niedrigen Fleischpreise werden erkauft durch Ausbeutung von Mensch und Vieh.
Doch es geht jetzt darum, in zwei wesentlichen Bereichen endlich zukunftsgerichtet zu denken: Erstens: Schlachtbetriebe müssen ihre Arbeiter selber anstellen, das Werkvertragsunwesen muss beenden werden und die Arbeits- und Unterbringungssituation muss sich deutlich verbessern. Und zweitens: Wir brauchen einen Umbau der Tierhaltung, um den Tieren ein artgerechtes Leben, sowie Bauern ein auskömmliches Einkommen zu ermöglichen. Doch eine Wertschöpfungskette, die zu Menschen und Tieren gleichermaßen fair ist, kostet mehr Geld.
Die Kunden müssen dabei auch ihren finanziellen Beitrag leisten. Tierische Produkte müssen von einer Ramschware im Sonderangebot wieder zu einem wertvollen Qualitätsprodukt werden. Eine Tierwohlabgabe auf Endverbraucherebene, die einhergeht mit einem klaren gesetzlichen Fahrplan für den Umbau der Tierhaltung, ist jetzt politisch dringend gefordert.
Contra Fleisch-Abgabe: Frank Sitta, FDP-Fraktionsvize im Bundestag
Frank Sitta Foto: Peter Gercke/dpa
Vielmehr muss die Landwirtschaft insgesamt unabhängiger von staatlichen Fördergeldern werden. Zusätzliche Abgaben und Steuern würden zudem eher im allgemeinen Staatshaushalt versacken.
Ein wie immer gearteter Tierwohl-Soli darf aber nicht zur neuen Schaumweinsteuer werden. Die kaiserliche Flotte ist längst untergegangen, die Steuer zahlen wir nach wie vor, mit Stichtag 1. Juli dann seit 118 Jahren. Ein Tierwohl-Soli ist also der falsche Weg.
Eine Tierwohl-Offensive beginnt stattdessen mit neuen Tierwohlställen, damit das Angebot von hochwertigerem Fleisch steigt. Der Umbau der Tierhaltung kann dabei nur über den Markt funktionieren. Landwirte können derzeit ihre Ställe aber leider nicht einfach genug umbauen, Bürokratie und überzogene Umweltauflagen hindern sie daran. Hier muss die Große Koalition ansetzen und bessere Rahmenbedingungen schaffen.
Darüber hinaus brauchen wir eine verlässliche EU-Tierwohl-Kennzeichnung als Unterstützung, damit die Bürger auch schnell und verlässlich sehen, was in ihrem Einkaufswagen landet.
Schlussendlich ist entscheidend, dass wir Bürger beim Einkaufen eine bewusste Entscheidung treffen. Denn jegliche staatliche Initiative für ein Mehr an Tierwohl kann nur wirken, wenn wir alle als Verbraucher mitmachen.
