Für einen kurzen Augenblick sollte man einfach nur mal den Blickwinkel ändern. Sich vorstellen, nach einem Unfall als Verletzter auf der Autobahn zu liegen oder eingequetscht noch im Auto zu sitzen – und zig Neugierige fahren langsam vorbei, richten ihre Smartphones aus dem Fenster und filmen das Grauen. Sekunden später landet das Ganze als Grusel-Vorlage im Internet. Keine Fiktion, sondern Realität auf Deutschlands Straßen. Man muss nur Polizeibeamte fragen.

Nach den Niederlanden will nun auch Nordrhein-Westfalen dieser Form des Voyeurismus ein Ende bereiten. Sichtschutzwände sollen den Opfern ein Stück Würde wiedergeben, sagt NRW-Verkehrsminister Groschek – und schiebt noch eine moralische Wertung hinterher: Geschmacklos und beschämend sei das Verhalten. Wer will widersprechen? Auch Niedersachsens Polizeibeamte berichten über ähnliche Erfahrungen.

Aber lösen Sichtschutzwände das Problem? Praktiker würden sagen: Ja. Erste Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen zeigen: Wo es für neugierige Autofahrer nichts zu sehen gibt, lösen sich Staus deutlich schneller auf. Der Verkehr fließt, Gefahrenstellen werden entschärft. Findige haben längst ausgerechnet, dass sich die Anschaffung von Sichtschutzwänden sogar volkswirtschaftlich rechnet. Die Ausgaben für Stellagen liegen deutlich niedriger als die Kosten durch stehenden Verkehr.

Also: Stimmt die Rechnung, her mit Sichtschutzwänden? Aber ändert sich deshalb etwas an dem grundlegenden Problem, dass es mittlerweile nahezu kein Tabu mehr für digitalen Voyeurismus gibt? Brutale Prügelszenen mit ausführlichen Opferbildern landen ebenso im Internet wie Filme von Vergewaltigungen und Fotografien grenzenlosen menschlichen Leids. Das Böse und das Schreckliche haben Hochkonjunktur. Mit möglichst vielen Bildern. Überall und vor allem schnell verfügbar.

Gehören Respekt vor der Würde des Menschen und Empathie für Leidende auf die Müllhalde moralischer Prinzipien? Jeder kann die Antwort geben. Beim nächsten Mal, wenn er an einer Unfallstelle vorbeifährt – mit oder ohne Handy in der Hand.