Immer häufiger sind Medikamente Mangelware. Wie angespannt ist die Lage?
Friedemann Schmidt (55) ist ein Apotheker aus Leipzig. Seit Januar 2013 ist er zudem Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Das Amt gibt zum Jahr 2021 auf.
Wie wirkt sich die Entwicklung für die Patienten aus?
SchmidtProbleme entstehen, wenn es kein gleichwertiges Alternativ-Medikament mehr gibt, also überhaupt kein Hersteller mehr Ware zur Verfügung stellen kann. Solche Versorgungsengpässe nehmen zu. Dadurch wird die Gesundheit der Patienten beeinträchtigt. Man wechselt dann von einem Wirkstoff auf einen anderen. Chronisch Kranke leiden besonders darunter. Sie tun sich sehr schwer, mögliche Dosierungsänderungen umzusetzen. Arzneimittel werden gar nicht mehr oder sehr unregelmäßig eingenommen.
Wo liegen die Ursachen für die Engpässe?
SchmidtIn der Pharmaindustrie gab es in den vergangenen Jahren einen großen Trend zur Globalisierung. Die Produktion von bestimmten Inhaltsstoffen findet heute im Wesentlichen in Indien und China statt. Die Zahl der Produzenten solcher Wirkstoffe hat sich verringert. Große Firmen produzieren in Indien und China Wirkstoffe für Europa und die ganze Welt. Wenn eine solche Produktionsstätte Probleme bekommt, wirkt sich das weltweit aus. Der zweite Grund ist, dass Deutschland in weiten Bereichen der Medikamenten-Versorgung ein Niedrigpreisland geworden ist. Vor allem bei innovativen Arzneimitteln sind die Preise niedriger als in Großbritannien und in Kanada. Deshalb werden Arzneimittel exportiert und stehen dann in Deutschland nicht wie geplant zur Verfügung.
Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat eine Meldepflicht ins Gespräch gebracht, wenn Medikamente knapp werden. Auch die Grünen fordern ein solches Frühwarnsystem. Wäre dies eine Lösung der Probleme?
SchmidtJa, die Apotheker, Ärzte und Patienten werden immer wieder von den Engpässen überrascht. Medikamenten-Hersteller und -Großhändler sollten früher mitteilen, wo Engpässe drohen – wenn zum Beispiel absehbar ist, dass Medikamente nur noch für vier Wochen vorhanden sind. Ärzte und Apotheken müssten darüber informiert werden, damit sie neue Patienten nicht auf solche Medikamente einstellen. Auf längere Sicht sollten Arzneimittel wieder innerhalb der EU produziert werden. Wir haben die Bundesregierung aufgefordert, sich des Themas während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2020 anzunehmen. Die komplette Auslagerung der Pharmaproduktion nach Asien sollte rückgängig gemacht werden. Das ist eine sehr schwierig zu erfüllende Forderung, wie wir wissen. Auch die Preise würden sich erhöhen. Es wäre aber für die Versorgungssicherheit notwendig.
