„Bin ich froh, dass ich noch so gut Autofahren kann.“ Diesen Satz sagte meine Großmutter einmal zu mir, während sie neben ihrem Auto stand. Die große Beule im Kotflügel ignoriert sie dabei freudig. Von selbst wird sie ihren Führerschein nicht abgegeben – und damit ist sie nicht allein. Auf Selbstverantwortung zu setzen, bringt also nichts. Was es braucht, sind verbindliche Überprüfungen der Fahrtauglichkeit.
Abgabe unattraktiv
Ich kann meine Großmutter durchaus verstehen: Das ÖPNV-Angebot in ihrem Dorf geht gegen null, sie ist schlecht zu Fuß, und der nächste Supermarkt ist mehrere Kilometer entfernt. Ein befristetes kostenloses Ticket für den ÖPNV bei Abgabe des Führerscheins? Wofür denn, wenn kein Bus fährt? Die Anreize, den Führerschein abzugeben, sind zu gering. Aber: Mit ihrem Verhalten riskiert sie nicht nur ihre Gesundheit, sondern auch die der anderen Verkehrsteilnehmer.
Unfällen vorbeugen
Reaktionsgeschwindigkeit, Hörvermögen, Sehkenntnisse, Beweglichkeit: All das nimmt mit zunehmendem Alter ab. Brillenträger wissen nur zu gut, dass sich die Werte beim Optiker über die Zeit verändern – selten zum Besseren.
Auch können Krankheiten, die mit zunehmendem Alter verstärkt auftreten, die Sehfähigkeit verringern – man denke etwa an Altersweitsichtigkeit, grünen oder grauen Star. Regelmäßige Fahrprüfungen und verbindliche Arzt-Untersuchungen können (Beinah-)Unfällen vorbeugen, indem frühzeitig erkannt wird, ob ein Autofahrer noch fit für die Straße ist.
Neue Herausforderungen
Ein weiterer Vorteil: Ältere Verkehrsteilnehmer können für den über die Zeit veränderten Straßenverkehr sensibilisiert werden. E-Scooter, elektrische Lastenräder und Elektro-Fahrräder gab es noch nicht, als meine Großmutter ihren Führerschein gemacht hat. Der Straßenverkehr ist seitdem komplexer geworden.
Zudem haben sich auch Autos verändert. Wie schalte ich den Spurhalteassistenten an und aus, und wofür brauche ich ihn überhaupt? Wie schätze ich den Abstand bei der Rückfahrkamera ein? Wie stark darf ich mich auf die Technik verlassen? Fahranfänger lernen das heute in der Fahrschule – warum also keine „Warenkunde“ für ältere Fahrer?
Schweiz, Niederlande, Dänemark, Italien, Spanien, Portugal, Tschechien: In anderen europäischen Staaten sind regelmäßige Fahrtauglichkeitstests für ältere Autofahrer längst gang und gäbe. Eine EU-weite Regelung ist der logische nächste Schritt.
Änderung im Text: Im ursprünglichen Text hieß es „E-Scooter, Lastenräder und Elektro-Fahrräder gab es noch nicht“. Die Aussage, dass es noch keine Lastenräder gab, ist falsch. Der Satz wurde geändert in: „E-Scooter, elektrische Lastenräder und Elektro-Fahrräder gab es noch nicht.“
