Das Urteil ist klar und eindeutig selbst für jene, die stets nach dem Haar in der Suppe suchen. Christian Wulff ist nach Überzeugung des Landgerichts Hannover nicht schuldig. Der Vorsitzende Richter bemühte sich sogar selbst um Interpretation seiner Entscheidung – gäbe es ihn, wäre es ein Freispruch erster Klasse.
Von Vorteilsannahme durch den damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten kann also keine Rede sein. Wohl auch um ähnliche Prozesse zu vermeiden, halten die Richter die gegenseitige Übernahme von Hotelkosten unter Freunden für nicht anstößig. Offen blieb indes, warum das Gericht eine Anklage zuließ, die sich auf eine schwache Indizienkette stützte, selbst neue Zeugen anforderte und ursprünglich sogar bis Mitte April tagen wollte.
Prozessbeobachter erlebten eine zeitweise hilflos wirkende Staatsanwaltschaft und eine überzeugend auftretende Verteidigung. Hinzu kam ein Angeklagter, dessen in zahllosen Debatten geschulte Rhetorik im Verhandlungssaal niemand gewachsen war. Wulff hat richtig entschieden, als er einer Einstellung des Verfahrens gegen Zahlung einer Geldauflage widersprach. Sein Triumph am Ende des Prozesses verschafft ihm persönliche Genugtuung.
Schwer vorstellbar ist indes, dass er noch einmal in die Politik zurückkehrt. Dort bleibt unvergessen, wie ungeschickt das Staatsoberhaupt taktierte, als immer neue Vorwürfe laut wurden. Seine Salamitaktik, nur zuzugeben, was unwiderlegbar ist, war alles andere als geschicktes Krisenmanagement. In unguter Erinnerung ist seine abrupte Trennung vom langjährigen Spezi Olaf Glaeseker, dem er zum Abschied nicht einmal ein persönliches Wort gönnte.
Verschwörungstheoretiker mögen Gefallen am Fall Wulff finden. Ihre Thesen werden jedoch auch durch Wiederholung nicht wahrer. Nicht Wulffs Meinung „Auch der Islam gehört zu Deutschland“ sowie eine gleichgeschaltete Pressemafia im Jagdfieber waren ursächlich für seinen Rücktritt, sondern eine unendliche Kette von Halbwahrheiten, Ungenauigkeiten und unglücklichen Äußerungen. Wulff wirkte wie der Darsteller eines Bundespräsidenten, dem zur richtigen Zeit ein falsches Drehbuch vorlag. Wie es anders geht, lebt sein Nachfolger im Schloss Bellevue vor.
