Oldenburg - Rainer Eppelmann steckte im Dezember 1972 in der DDR mitten im Theologiestudium. Acht Monate Militärgefängnis hatte der Oppositionelle und spätere Bürgerrechtler schon hinter sich, weil er als Bausoldat ein Gelöbnis verweigert hatte. Mit seinen 29 Jahren stellte sich der junge Familienvater auf zähe Jahre im ungeliebten SED-Staat ein. Doch in jenem Dezember keimte so etwas wie Hoffnung.

Am 21. Dezember 1972 unterzeichneten die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik den sogenannten Grundlagenvertrag. Genauer gesagt waren es der DDR-Diplomat Michael Kohl und der West-Unterhändler Egon Bahr, der nach der Unterschrift zu Protokoll gab: „Bisher hatten wir keine Beziehungen, jetzt werden wir schlechte haben – und das ist der Fortschritt.“

Der war für Brandt auch ein diplomatischer Drahtseilakt, denn die Opposition in Bonn tobte. Für den damals neuen SED-Chef Erich Honecker war der Vertrag ein Triumph.

Schritt zur Anerkennung der DDR

Der „Vertrag über die Grundlagen der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik“ sollte „gutnachbarliche Beziehungen zueinander auf der Grundlage der Gleichberechtigung“ bringen. Klingt heute banal, war jedoch für die Bundesrepublik ein großer Schritt. Bis 1969 galt offiziell die Hallstein-Doktrin: Bonn sah sich als Alleinvertretung für alle Deutschen und drohte Staaten, die die DDR anerkannten.

Kritiker führten gegen den Grundlagenvertrag ins Feld, die DDR werde aufgewertet und die deutsche Teilung zementiert. Die Formulierung des Abkommens glich deshalb verbaler Verrenkung. Die Bundesregierung akzeptierte zwar de facto die DDR als Staat, aber nicht als Ausland. Deshalb wurde der Austausch von Diplomaten in „Ständigen Vertretungen“ vereinbart, nicht in Botschaften. Auch von einer eigenen DDR-Staatsbürgerschaft wollte die Bundesregierung nichts wissen. In einem „Brief zur deutschen Einheit“ stellte sie klar, dass der Vertrag nicht dem Ziel der Wiedervereinigung widerspreche.

Trotz dieser rhetorischen und rechtlichen Pirouetten war die Existenz der beiden deutschen Staaten nun quasi amtlich. Am 18. September 1973 wurden sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR als eigene Mitgliedsstaaten in die Vereinten Nationen aufgenommen. Für Honecker und die Führung in Ostberlin ein großer Erfolg.

DDR wollte nicht mehr „Schmuddelkind“ sein

Viele hätten sich gefreut, dass „wir nicht das Schmuddelkind irgendwo in der Ecke sind“, sagt Rainer Eppelmann. „Sondern wir sind gleichberechtigt, mit der Hoffnung, auch das wird dazu beitragen, dass Handel und Wandel intensiver wird und wir davon ein Stück weit was mitkriegen.“ Auch jene, die mit dem Regime haderten, griffen nach dem Strohhalm. „Das gegenwärtige Leben empfanden ja viele als so schlecht, dass sie Hoffnung haben mussten“, sagt Eppelmann, später eine der treibenden Kräfte im Umbruch 1989 und 1990. Heute ist der 79-Jährige Vorsitzender der Bundesstiftung Aufarbeitung.

Honecker hatte erst 1971 Walter Ulbricht als Nummer eins der DDR abgelöst und nährte Hoffnungen auf eine andere Politik mit mehr Konsumgütern, besserer Wohnungen, mehr Freiheiten. Und genau das schien das deutsch-deutsche Abkommen anzubahnen. In den 1970er Jahren folgten Abkommen, etwa zur Regelung von Post- und Telefonkontakten oder über den Bau der Transitautobahnen.

Wichtiger noch waren vielleicht das Reisen und der Austausch im Alltag. Nach dem Grundlagenvertrag durften nicht nur Rentner, sondern jährlich auch einige Tausend jüngere Menschen aus der DDR zu „dringenden Familienangelegenheiten“ nach Westdeutschland fahren, wie Historiker Sascha-Ilko Kowalczuk in einem Vortrag in Erinnerung rief. Von West nach Ost gab es nach seinen Zahlen jährlich fünf bis acht Millionen Privatreisen.

Viel Westen im Osten

„Der Westen war im Osten omnipräsent“, erklärte Kowalczuk. Gemeint sind die Westmedien, die Westprodukte, die West-Mark. „Fast alles schien erstrebenswert, was nach Bundesrepublik roch, so aussah oder so schmeckte.“ Die D-Mark sei inoffiziell zur zweiten Währung in der DDR geworden. „Hatte man Westgeld, war praktisch alles zu haben.“

Der Grundlagenvertrag reichte also tief in den Alltag hinein, er brachte Wandel, vielleicht auch Annäherung – aber bahnte das den Weg zur Deutschen Einheit? Eppelmann sagt, die Hoffnung in der DDR sei ziemlich schnell verschwunden. „Es wurde hinterher wieder schlimmer.“ Er nennt als Wendepunkt die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976. Danach gingen Künstler wie Manfred Krug oder Nina Hagen in den Westen. Wer blieb, suchte Perspektiven und fand oft nur Stagnation.

In Westdeutschland richtete man sich ein. Je länger das Provisorium der Zweistaatlichkeit währte, desto unwahrscheinlicher schien sein Ende. Am Ende glaubte fast niemand mehr an die Einheit. Bis Eppelmann und andere 1989 Anlauf nahmen und alles ganz anders kam.