NWZonline.de Nachrichten Politik Meinung

Gastbeitrag: Wir haben einen Plan B, aber keinen Planeten B

01.04.2019

Hamburg Wenn du an einem Sonnabend bis kurz vor 23 Uhr mit deinen beiden Patensöhnen, elf und 13 Jahre alt, über Klimawandel, Schuleschwänzen und Freitagsdemonstrationen diskutierst, dann weißt du: Du hast tolle Patenkinder, die sich nicht nur ziemlich früh für Politik interessieren, sondern die sich gleich engagieren. Du weiß aber auch, dass du selbst endlich mal wieder vom Sofa hochkommen und mehr tun müsstest, als dir darüber Gedanken zu machen, wohin es das nächste Mal in den Urlaub geht.

Wenn ich du schreibe, meine ich natürlich mich und vielleicht andere aus der Generation der sogenannten Baby-Boomer, die überrascht und manchmal auch erfreut auf das blicken, was da gerade in Deutschland und anderswo rund um Greta Thunberg passiert. Die Proteste unserer Kinder für eine bessere Welt sind ein Ereignis, das unterschiedliche Gefühle auslöst. Am besten hat die ein Freund beschrieben, der bei einer Freitagsdemonstration in Hamburg dabei war. Er habe weinen müssen, hat er erzählt. Einerseits, weil ihn die kleine Revolution der Schülerinnen und Schüler so beeindruckt habe. Andererseits, weil er sich die Frage gestellt habe, warum die Eltern nicht schon längst für ein anderes Klima auf die Straße gegangen seien.

So gucken wir alle, die einen bewundernd, die anderen abschätzig, auf ein Mädchen mit zwei langen Zöpfen, das in Berlin die Goldene Kamera erhalten hat und das wahrscheinlich zum Kreis der Kandidaten für den Friedensnobelpreis gehört. Wir gucken auf Greta Thunberg und die Millionen, die hinter ihr stehen und die nicht nur Angst um sich, sondern um den Planeten haben. Und die jeden Freitag Schilder in die Höhe halten, auf denen zum Beispiel steht: Die Dinosaurier dachten auch, sie haben noch Zeit. Oder: Wir streiken, bis ihr handelt.

Wenn das nicht wachmacht, was dann? Wenn nicht die eigenen Kinder mit ihren Gedanken und vor allem mit ihren Taten die Eltern und Erwachsenen dazu bringen, den Klimawandel ernst- und dagegen etwas zu unternehmen, wer dann? Es ist irgendwie komisch, dass ausgerechnet die Kleinen die Großen daran erinnern müssen, worum es wirklich geht – nämlich, dass wir für viele Fälle einen Plan B haben, aber eben keinen Planeten B. Immerhin: Es ist noch nicht zu spät, etwas zu tun.

Unsere Kinder werden streiken, bis wir handeln, sagen sie. Soll heißen: Wir dürfen und sollten gern mit auf die Demos gehen, vor allem müssen wir aber unser Leben umstellen. Jeder für sich, alle für die Erde. Eltern erzählen, dass sie mit ihren Kindern beschlossen haben, in diesem Jahr nicht nach Spanien zu fliegen, sondern nur an die Ostsee zu fahren. Andere versuchen vielleicht, endlich weniger Fleisch zu essen, den Plastikverbrauch einzuschränken, mehr mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs zu sein.

Denn auch das ist eine Lehre der Bewegung um Greta Thunberg: Es gibt keine Ausreden. Wenn die Kleinen in unserer Gesellschaft etwas wie die Freitags-Demonstrationen in Gang setzen können, dann müssen die Großen, wir Großen nachlegen. Jeder kann zur Bekämpfung des Klimawandels seinen Teil beitragen.

Wie ist die Reaktion der Erwachsenen auf die Aktion der Kinder? Eine zumindest ist recht einfaltslos. Ich rede von der Sache mit dem Schulschwänzen. Das darf man natürlich kritisieren, man kann es aber auch so sehen wie der Hamburger Unternehmer Michael Otto. Der hat erstens gesagt, dass er es hervorragend findet, wenn Schüler sich zu einem der wichtigsten Themen der Gegenwart engagieren. Und dann hinzugefügt, ich zitiere: „Auch dass am Freitag während der Schulzeit demonstriert wird, ist wichtig, da die Medien leider erst dann darüber berichten.“ Zitat Ende.

Der Mann hat recht, und plötzlich sind wieder wir, die Medien, schuld. Was ich in diesem Fall ausnahmsweise einmal gar nicht schlecht finde.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.