Eine Partei, die erst am kommenden Wochenende zu ihrem Gründungsparteitag lädt, könnte alle Prognosen der Demoskopen vor der kommenden Bundestagswahl im September über den Haufen werfen.

Die Rede ist nicht von den Piraten, die sich nachhaltig selbst marginalisiert haben, sondern von einem Zusammenschluss unter dem eher sperrigen Titel „Alternative für Deutschland“. Immerhin jeder vierte befragte Wahlberechtigte kann sich laut Infratest dimap vorstellen, der Partei der Euroskeptiker seine Stimme zu geben. Sieben Prozent sind dazu sogar derzeit fest entschlossen. Damit droht den etablierten Parteien eine völlig unerwartete Herausforderung, die alle bisherige Arithmetik zur Makulatur macht.

Wenn es den Initiatoren, darunter namhafte Ökonomen wie der Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke und bekannte Talkshowgesichter wie der einstige Industrie-Repräsentant Olaf Henkel, gelingen sollte, die Parteigründung einigermaßen unfallfrei zu vollziehen und die Zahl der üblicherweise solchen neuen Bewegungen zulaufenden Chaoten eng zu begrenzen, dann könnte es am Wahlabend lange Gesichter in vielen Parteizentralen geben.

Die „Alternative für Deutschland“, die erst durch die europäische Schuldenkrise an Anziehungskraft gewann, blieb bislang frei von radikalen Tendenzen und kann wohl auch deshalb Sympathisanten in allen politischen Lagern vorweisen. Diese Bewegung mit bekannter Politrhetorik in die rechte oder linke Ecke zu stellen, dürfte schwerfallen.

Zudem lassen bisherige Äußerungen der Euro-Skeptiker darauf schließen, dass sie auch Kompromissen durchaus offen gegenüberstehen. Dazu zählt die Aufteilung des Euro in eine harte Euro-Währung für ökonomisch starke Länder wie Deutschland, Benelux und einige skandinavische Länder sowie eine weiche Euro-Währung für Europas Süden, darunter Frankreich. Ob dies ein realistisches Szenario ist, sei dahingestellt. Die etablierten Parteien sollten die neue Kraft indes nicht unterschätzen, zumal Deutschlands Bürgerinnen und Bürger nun erstmals die Möglichkeit erhalten könnten, selbst über den Euro und Europas Zukunft abzustimmen.

Dies wurde ihnen bislang hartnäckig verweigert.