Oldenburg - Dass sich ein Papst in eigener Person um den Vorderen Orient kümmert, ist Franziskus nicht hoch genug anzurechnen. Es ist aber auch mehr als überfällig. Und vielleicht auch schon zu spät, denn das Christentum in der Region zwischen der iranischen Grenze und dem Mittelmeer stirbt.
In Franziskus‘ Reiseziel Irak lebten 2003 mehr als 1,5 Millionen Christen. Heute – nach einer Welle islamischen Terrors – sind es noch rund 200 000. Der Papst hat recht, wenn er von einer „Märtyrerkirche im Lande Abrahams“ spricht. In Syrien sieht es noch schlimmer aus: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bestand die Bevölkerung in der einstigen osmanischen Provinz Syrien bis zu einem Viertel aus Christen. In der Arabischen Republik Syrien waren es 2010 noch zehn Prozent. Heute, nach Terror und Bürgerkrieg, sind es rund fünf Prozent. Die Minderheit lebt so gut wie ausschließlich in den Gebieten unter Kontrolle der Zentralregierung.
Aus Israel und den palästinensischen Gebieten emigrieren ebenfalls immer mehr Christen. Die israelische Christen-Politik ist leider häufig widersprüchlich, in den Autonomiegebieten geraten Christen unter den Druck des politischen Islam.
Kritik an Europäern
Es sind diese Zustände, die Geistliche in der Region seit Jahren immer wieder ansprechen. In der vergangenen Woche legte der Patriarch der Syrisch-Katholischen Kirche, Ignatius Youssef III., nach. Die Christen in der Region hätten „wenig Interesse an hochrangigen Treffen“, ließ er sich von einer katholischen Nachrichtenagentur zitieren. Der vielgepriesene „Dialog der Regionen“ sei eher ein „Monolog der guten Absichten seitens der Christen“. Stattdessen sei es endlich an der Zeit, klar und deutlich für die Achtung der Bürgerrechte aller Menschen in der Region einzutreten „auch in Ländern mit einer islamischen Mehrheit“. Bis zu wahrer Toleranz gegenüber sogenannten Ungläubigen sei es dort nämlich noch ein weiter Weg. Und: „Es sollte nicht vergessen werden, dass der Islam Religion und Politik nicht trennt.“
Im Westen reagieren viele Kirchenfürsten aller Schattierungen sowie eine breite Öffentlichkeit auf diese verzweifelte Lage der Christen eigentümlich verdruckst. Man redet ungern darüber, wohl vor allem, weil man nicht in Gefahr geraten will als „islamophob“ gebrandmarkt zu werden. Da werden die Dinge eben ungern beim Namen genannt.
Deutsche Demutsgesten
Damit einher geht verhuscht-gehemmter Umgang mit der eigenen Identität bei Begegnungen mit dem Anderen. Bestes Beispiel war der Besuch des evangelischen Bischofs Heinrich Bedford-Strohm und des Kardinals Reinhard Marx auf dem Jerusalemer Tempelberg. 2016 nahmen die beiden bei dieser Gelegenheit ihre Amtskreuze ab. Sie erfüllten mit der Demutsgeste ein Ansinnen der islamischen Verwaltungsbehörde des Tempelbergs. Wer aber so primanerhaft auftritt, wird in einer Region, in der es politisch, sozial und kulturell mehr als robust zugeht, schlicht nicht ernst genommen.
Der Papstbesuch im Irak ist also eine gute Gelegenheit, zum einen die Lage der Christen in der Region bekannt und bewusst zu machen, zum anderen das bedrohte Eigene selbstbewusst zu vertreten. Beides wünschen sich im Übrigen auch jede Menge orientalischer Christen, denen das polit-korrekte Herummanövrieren so manches christlichen Europäers schon lange gewaltig auf die Nerven fällt.
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