Niedersachsens Grüne verlieren immer mehr Ecken und Kanten. Das programmatische Profil, das die Delegierten auf dem Landesparteitag mit großer Mehrheit verabschiedeten, ist ein Angebot an die politische Mitte. Die Debatten der 160 Delegierten prägten keine Glaubenskriege mehr um höhere Steuern. Selbst eine „Fleischsteuer“ wurde abgelehnt. Kein Wort zur Zwangsbeglückung der Bürger mittels Veggie-Tag oder Radikal-Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft. Stattdessen profiliert sich die Partei ganz pragmatisch als Kümmerin um die Sorgen und Nöte von Städten und Gemeinden, denen die finanzielle Luft fehlt. Eine Reform der Gewerbesteuer soll der politischen Arbeit vor Ort mehr Spielräume verschaffen.

Zugleich ziehen die Grünen mit einer großen Portion Ehrgeiz in die anstehende Kommunalwahl. Die guten Ergebnisse der Vergangenheit sollen nochmals übertroffen werden. Aus dem Machtanspruch auch auf Landes- und Bundesebene macht die Ökopartei ebenfalls kein Hehl. Die Grünen wollen überall mitregieren. Dass dabei die Sozialdemokraten als bevorzugter Partner keine Erwähnung fanden, spricht für sich. Diese Grünen scheinen überall bereit, auch mit der Union zu koalieren. Warum sonst wurde am Rande des Landesparteitags so oft auf die gut funktionierende schwarz-grüne Koalition in Hessen verwiesen? Die SPD sollte gewarnt sein. Die Grünen fischen nicht nur zum Teil im gleichen Wählerbecken, sondern sind auch zur höchsten politischen Flexibilität bereit.

Als politisches Feindbild dient die immer stärker werdende AfD. An dieser Stelle endet jede politische Kompromissbereitschaft. An der klaren Abgrenzung zu Rechtspopulismus und Radikalisierung von jungen Menschen lassen die Grünen keine Zweifel. Umfassende politische Aufklärung soll’s richten. Ob’s reicht? Abwarten.

Politische Bauchschmerzen bereitet den Grünen der geplante Islam-Vertrag in Niedersachsen. Das gestörte Verhältnis mancher Muslime zu Gleichberechtigung und Grundgesetz macht der Partei, die sich Frauenrechte und Integration auf die Fahnen geschrieben hat, Probleme. Auch das Thema wollen die Grünen aktiv anpacken.

An Selbstbewusstsein fehlt es ihnen nicht.