Berlin - Durch die Corona-Krise und die Flutkatastrophe an der Ahr stiegen die Ängste und Sorgen der Menschen in Deutschland. Wer bereits an einer psychischen Störung erkrankt ist, erlebt zudem eine Verschlimmerung, beschreibt Frank Jacobi, Professor an der Psychologischen Hochschule Berlin. Das lasse sich auch auf aktuelle Krisen übertragen.

Aktuell verzeichnet auch die Telefonseelsorge der evangelischen und katholischen Kirche eine erhöhte Nachfrage. So gäbe es ein Drittel mehr Anrufe. „Inflation und Energiekrise verunsichern viele Menschen und lassen sie nicht selten verzweifeln“, sagt Daniel Hörsch, sozialwissenschaftlicher Referent bei der Diakonie Deutschland.

Existentielle Bedrohungen

Gleiches zeige sich beim Sozialverband VdK. „Wir merken deutlich, dass die Sorgen und Ängste der Menschen riesengroß sind. Wir erhalten so viele Mails und Briefe von Mitgliedern, die sich existenziell bedroht fühlen, wie wohl noch nie“, sagt VdK-Präsidentin Verena Bentele. „Diese vielen gleichzeitigen Krisen beunruhigen die Menschen zutiefst.“

Jacobi weist jedoch auch darauf hin, dass es eine Unterscheidung zwischen Belastungen und psychischen Erkrankungen brauche. „Nur, weil Menschen mehr belastet sind, sind nicht mehr erkrankt“, stellt Jacobi klar. Insgesamt sind in Deutschland rund 28 Prozent der Erwachsenen von psychischen Störungen betroffen, das stellte Jacobi durch seine Forschungen fest. Diese Zahlen seien seit Jahren konstant. Was sich jedoch verändert hat, ist das Bewusstsein. „Heute werden psychische Störungen eher erkannt“, sagt Jacobi, der unter anderem zu psychische Störungen, deren Entstehung und Verlauf forscht. Zudem seien nicht zwangsläufig mehr Menschen von psychischen Störungen betroffen, aber mehr Menschen nehmen eine Behandlung in Anspruch. Dabei gebe es psychische Erkrankungen über alle Altersgruppen hinweg.

Hilfe dringend gesucht

Die Beratungsstelle des VdK berichtet davon, dass immer mehr Mitglieder Fragen zu psychischen Erkrankungen stellen. „Hier geht es um Plätze für eine Psychotherapie, den Krankengeldbezug und auch um die Frage, ob eine Erwerbsminderungsrente der Ausweg ist“, sagt Bentele.

Wie viele Menschen wegen einer psychischen Störung in Behandlung sind, lasse sich tatsächlich nicht eindeutig bestimmen, so Jacobi. Es zeigt sich jedoch eine Diskrepanz zwischen den Hilfsangeboten und der aktuellen Nachfrage. Das liege auch daran, dass die Therapieplätze der Krankenkassen gedeckelt sind. „Es ist nicht einzusehen, dass das Angebot gedeckelt wird“, sagt Jacobi. Dennoch könne man nicht sagen, dass es einfach mehr Plätze brauche. Generell müsse das ganze System optimiert werden. Auch der VdK sieht hier Handlungsbedarf. „Es ist wichtig, verlässliche Lösungen für die Probleme und Sorgen der Menschen zu entwickeln“, sagt Bentele.