Jerusalem - Die USA seien in erster Linie schuld an der „Eskalation” mit dem Iran, dessen Zeugen wir die Tage sind. Das sagen sich selbst zu Nahost-Experten erklärende „neutrale Beobachter“ wie Michael Lüders. Eine derartige Fehleinschätzung ist in meinen Augen skandalös. Warum? Hier einige Punkte zum Nachdenken:
1. Wie kommt es, dass Otto Normalverbraucher den Namen und das Gesicht Soleimanis zum ersten Mal in den Nachrichten gehört hat, als er nicht mehr unter uns weilte? Wie kann es sein, dass die Weltmacht Amerika sich einen Iraner zur Brust genommen hat, über den in den vergangenen drei Jahrzehnten kaum, bis überhaupt nicht berichtet wurde – und das, obwohl Soleimani seit dem Iran-Irak-Krieg in den 80ern zu einem der wahrscheinlich mächtigsten Männer zwischen Libanon, Jemen und Afghanistan aufgestiegen ist? Und das, obwohl Soleimani Oberbefehlshaber über schiitische Milizen mit Zehntausenden Mitgliedern war? Und das, obwohl Soleimani immer wieder an der Seite des iranischen Obersten Führers, Ajatollah Chamenei, gesichtet wurde?
Autor dieses Textes ist Arye Sharuz Shalicar. Er ist ein deutsch-iranisch-israelischer Publizist und Schriftsteller. (Foto: privat)
2. Plötzlich also hört der Deutsche von einer Person, die ihm bis dahin völlig unbekannt war. Er hört, wie die USA ihn gezielt neutralisieren – und kaum jemand fragt: „Moment! Was hat dieser ,General‘ eigentlich so getrieben, und wie viel Blut hat er an seinen Händen?“ Das liegt unter anderem daran, dass es kaum jemanden wirklich interessiert, warum es Krieg im Jemen gibt, warum der Irak und Afghanistan nach wie vor Krisenherde sind, warum die Hisbollah im Libanon ein Staat im Staat ist und warum in Syrien der Massenmörder Assad noch am Leben ist. Letzteres obwohl kurz nach Ausbruch des Volksaufstandes in Syrien 2011 ein Großteil der „Nahost-Experten“ sicher war, dass Assads Tage und Macht am Ende seien. Wenn uns all das interessierte, dann gäbe es absolut keinen Weg, Soleimanis Rolle zu ignorieren, genau so wie es in Sachen Syrien und Irak in den vergangenen Jahre keinen Weg gab, die Rolle des IS zu ignorieren. Interessanterweise weiß fast jeder Deutsche, was der IS für eine mörderische Ideologie vertritt, jedoch ist gleichzeitig kaum jemandem bekannt, wie es um die mörderische Expansions-Ideologie der schiitisch-islamischen Republik Iran bestellt ist. Ähnlich ist es auch im Falle Israels und der Palästinenser. Über vermeintliche israelische Vergehen wird genussvoll und ausgiebig berichtet, während absolut kein Interesse daran besteht, die palästinensische Gesellschaft und ihre „gewählten“ Vertreter unter die Lupe zu nehmen.
3. Dieselben „Nahost-Experten” sprechen nach wie vor von „Dialog aufrecht erhalten“, ohne dabei jedoch ganz klar und deutlich auszusprechen, dass ein Dialog mit islamistischen Strömungen, nur – ich betone nur – möglich ist, wenn man ihnen aus einer Position der Stärke gegenüber tritt. Genau das gilt auch im Umgang mit Teheran.
Es ist höchste Zeit, dass die Berichterstattung und mit ihr auch die „Nahostexperten“ die Realität „on the ground“ widerspiegeln.
