Unsere Gesellschaft erleidet gerade massive Verluste. Und ich spreche an dieser Stelle nicht von Verbrenner-Aus, Agrardiesel-Subventionen oder Cannabis-Legalisierung. So wie die Furcht vor dem Abschied von einem geliebten Menschen oder engen Beziehungen ureigen ist, muss uns gerade zutiefst beunruhigen, wie sich Werte­kanon, Respekt und Umgang miteinander auflösen.

Soziologen warnen längst vor steigendem Stress in modernen Gesellschaften durch anhaltende Krisen wie Krieg und Klimawandel, die wiederum Zukunftsängste befeuern. Der alternden deutschen ­Gesellschaft attestierten Meinungsforscher ohnehin seit langem die tief sitzende Sorge vor der Zukunft.

Die „German Angst“ ist keineswegs ein historisches oder sozialpsychologisches Phänomen, sie führt aber bei immer mehr Menschen zum Rückzug ins Private, zur Besitzstandswahrung und zu Investitionshemmungen. Am Ende schließt sich dieser Teufelskreis – dessen Ursprünge in der historischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts liegen: dem Nationalsozialismus – im Erstarken von rechtsextremen Parteien. Klingt absurd.

Oder haben wir es mit „German Ignoranz“ zu tun? Oder handelt es sich hierbei viel mehr um einen Fall von „German Demenz“? Gerade erleidet unser kollektives Geschichtsbewusstsein einen massiven Verlust, weil uns im Kampf für Demokratie und gegen Extremismus die Vor- und Leitbilder ausgehen.

Wenn Überlebende der Schoah hochbetagt sterben, kann die Flamme der Erinnerung nicht mehr von Mensch zu Mensch weitergegeben werden. Wer je Margot Friedländer erlebte, oder vor einigen Tagen Eva Szepesi in der Holocaust-Gedenkstunde im Bundestag sah, muss schon jetzt Verlustschmerz über die Zeit danach empfinden.

Wir erleben erstmals seit Jahrzehnten in Deutschland wieder eine Abstimmung mit den Füßen, ein Eintreten für Demokratie im Wortsinn. Auch an diesem Wochenende sind Proteste gegen Rechtsextremismus im Land geplant.

Ich bin mir im Klaren darüber, dass die Proteste symbolischer Natur sind und sie wenige davon abhalten werden, eine populistische Partei zu wählen, und dies, obwohl die AfD in Teilen als gesichert rechtsextrem gilt. Und dennoch wartet die Öffentlichkeit auf weitere starke Stimmen.

In der Ökonomie der Aufmerksamkeit wetteifern Anbieter darum, dem Nutzer anzubieten, „was er will“, und sie senden Beiträge, die an Emotionen appellieren und nicht an den Verstand. Die Deutungshoheit darf aber nicht antidemokratischen Schreihälsen überlassen bleiben.

Ich vermisse ein starkes Bekenntnis, ein gemeinsames Zeichen der Kulturinstitutionen im Nordwesten; in unseren Theatern, Museen und Konzerthäusern gibt es so viele helle Köpfe. Während der Demonstration gegen Rechtsextremismus standen kürzlich in Oldenburg offiziell 17 000 Menschen auf dem Schlossplatz zwischen Staatstheater und Landesmuseen. Manchmal hilft es, zu improvisieren oder sich herauszutrauen.

Oliver Schulz
Oliver Schulz Redaktion Kultur/Medien (Ltg.)