Tauwetter im Südkaukasus. Doch was da zum Entsetzen der Welt auftaut, ist leider nur ein lange vergessener Krieg. Dass ausgerechnet jetzt der Kampf um Berg-Karabach zwischen Armeniern und Aserbaidschanern wieder ausbricht, kommt unerwartet, aber nicht zufällig. Die notwendige Hitze geht von den nahe gelegenen Konfliktherden aus, und man kann aus guten Gründen annehmen, dass sie bewusst freigesetzt worden ist.
Im nahen Syrien standen und stehen Russland und die Türkei kurz vor einer direkten Konfrontation. Das wirtschaftlich schwache Armenien lehnt sich seit Jahr und Tag an Russland an. Aserbaidschan ist ein Klient der Türkei. Die Sprachen ähneln sich stark, die beiden Präsidenten sind beide von autoritärem Charakter. In Ankara sieht man in Aserbaidschan den wichtigsten Juniorpartner bei der Verwirklichung einer neo-osmanischen Strategie mit dem Ziel türkischer Dominanz der Region. Es ist deshalb davon auszugehen, dass Baku den Konflikt zwar nicht auf Anweisung aus Ankara, aber doch mit Rückendeckung und Ermunterung der türkischen Regierung eskalieren lässt. Für Aserbaidschan geht es um die Rückgewinnung separatistischer Landesteile. Dafür hat man die Armee in Zeiten des Ölbooms massiv gestärkt. Der aber ist vorerst vorbei. Da trifft es sich gut, dass die Türkei gegenwärtig ein massives Interesse daran hat, dem Gegner Russland zu schaden. Im Vorderen Orient hängt eben alles mit allem zusammen.
