Im Grunde gibt es nichts zu feiern. Die Abtrennung der westpfälzischen Kreise von Deutschland im Jahre 1920 war keine Nettigkeit oder kulturelle Bereicherung. Da ging es um handfeste französische Interessen: um die Schwächung des ehemaligen Kriegsgegners Deutschland, um die Kontrolle über Kohle und Stahl an der Saar.

Heute zelebriert man im Saarland dieses Geschichte als einen oft verlogenen Flirt mit einem häufig klischeesatten, vermeintlichen französischen Lebensgefühl. Das ist eine Lebenslüge: Im Saarland trinkt man eher Bier als Wein, und Französisch sprechen auch kaum mehr Menschen als in anderen deutschen Bundesländern.

In der Geschichte stimmten die Bewohner der Saargegend zwei Mal – 1935 und 1955 – dafür, wieder zu Deutschland zu gehören. So paradiesisch war die Franzosenzeit dann wohl doch nicht.

Und trotzdem kultiviert man zwischen Saarlouis und Homburg, Saarbrücken und St. Wendel eine konstruierte Sonderidentität, die sich in Wirklichkeit aber nicht fundamental vom Lebensgefühl in Kaiserslautern oder Trier unterscheidet. Auch dort isst man gern und reichlich. Auch dort pflegt man ein eher entspanntes Verhältnis zum Leben. Wirksam ist diese Konstruktion einer Sonderidentität allerdings im Politischen, und das nicht zum Vorteil des Ländchens.

Man ist dort zum einen nicht sehr aufgeschlossen gegenüber Leuten „aus dem Reich“, also Zugezogenen. Zum anderen ist die Eigenständigkeit als Bundesland eine schier unerschöpfliche Quelle von Skandalen, Schlamperei und Korruption, die in Restdeutschland allerdings kaum wahrgenommen werden.

Einige Beispiele: Da setzte etwa die Stadt Völklingen zwischen 2007 und 2014 mehr als 20 Millionen Euro in den Sand – mit einer Anlage zur Zucht von Meeresfischen. Schließlich verkaufte die Stadt das Unternehmen für einen Apfel und ein Ei an einen privaten Betreiber. In Saarbrücken wurde etwa zur gleichen Zeit ein Erweiterungsbau des Saarlandmuseums zu einem Millionengrab und einer Skandalgeschichte.

Unter der ehemaligen Ministerpräsidentin und heutigen CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer platzte ein Skandal um den Landessportverband für das Saarland (LSVS). Dort wirtschaftete man jahrelang aus dem Vollen und produzierte ein Millionenloch. Die Ermittlungen brachten massiven Filz und Nepotismus vom Allerfeinsten ans Tageslicht. Über den Skandal stolperte auch Landtagspräsident und LSVS-Chef Klaus Meiser (CDU). Er wurde 2019 wegen schwerer Untreue verurteilt.

Aktuell lässt die Stadt Saarbrücken dem örtlichen FC ein neues Stadion bauen. Das Projekt kostet jetzt bereits 16 Millionen Euro mehr als geplant. Die 38-Millionen-Rechnung teilen sich nun Stadt und Land: Größenwahn à la Saarland.

All das passiert vor dem Hintergrund, dass dieses Bundesland nach Bremen und Berlin die höchste Pro-Kopf-Verschuldung in Deutschland hat – und das trotz des Wirtschaftsbooms der vergangenen Jahre.

Im Saarland selbst sieht man das entspannt. Die anderen zahlen ja für dieses Verständnis von Eigenständigkeit. Auf den sprichwörtlichen Filz im Land sind viele zudem auch noch stolz. Gern verweist man schlitzohrig darauf, es kenne im Land eben „immer einen, der einen kennt“.

Auch wenn es die eine Million Saarländer nicht gern hören: Eine regionale Sonderidentität rechtfertigt noch lange nicht die Existenz einer eigenen politischen Einheit, wie es ein Bundesland ist. Lausitzer, Franken und Badener können davon ein Lied singen und ertragen es trotzdem.

Es ist vorauszusehen, dass der Tag kommen wird, an dem die Zahlmeister der saarländischen Sonderexistenz keine Lust mehr haben. Spätestens in der nächstens Wirtschaftskrise dürfte es so weit sein. Vernünftig wäre es daher, das historisches Relikt Saarland, diesen Anachronismus, im Rahmen einer Neugliederung in einem großen Südweststaat aufgehen zu lassen.

Alexander Will über den Anachronismus
im
Südwesten