Ein 18 Monate altes Kleinkind musste vor zwei Wochen wegen zunehmender Atemnot im Rahmen einer hochfieberhaften Erkrankung vom Notarzt notfallmäßig intubiert und künstlich auf der Kinderintensivstation beatmet werden. Nein, dieses Kind hatte keine Coronavirus-Infektion, sondern eine bakterielle Infektion des Kehldeckels (Epiglottitis), die durch das Bakterium Hämophilus influenzae Typ b verursacht wird.

Dieses Bakterium wurde 1892 von Robert Pfeiffer, einem Schüler von Robert Koch, im Auswurf von Patienten mit Grippe (Influenza) entdeckt und im Nachhinein fälschlicherweise für den Erreger der Grippe gehalten. Der Name bezieht sich auf das blutliebende (hämophile), anspruchsvolle Wachstumsverhalten des Bakteriums. Hämophilus influenzae lebt ausschließlich in den Schleimhäuten des Menschen, vor allem in den oberen Atemwegen. Es wird vor allem durch Tröpfcheninfektion übertragen. Ob es zu einer Erkrankung kommt, hängt von der Menge der übertragenen Bakterien und von der Abwehrlage des Körpers ab.

Der Typ b des H. influenzae Bakteriums (Hib) kann invasive (eindringende), lebensbedrohliche Erkrankungen im Säuglings- und Kleinkindesalter verursachen wie eitrige Hirnhautentzündung (Meningitis), Kehldeckelentzündung und Blutvergiftung (Sepsis). Eine Kehldeckelentzündung entwickelt sich innerhalb weniger Stunden. Wichtigste Erkennungsmerkmale sind hohes Fieber, Schluckbeschwerden, kloßige Sprache und ausgeprägte Atemnot. Eine Kehldeckelentzündung stellt immer einen Notfall dar, da sich die Erkrankung extrem schnell entwickelt. Oft bleibt gerade noch Zeit, einen Transport in die Klinik, immer mit Arztbegleitung, zu organisieren. Die Sterblichkeitsrate der Kehldeckelentzündung liegt bei bis zu 25 Prozent. In meiner Ausbildung zum Kinderarzt habe ich diese dramatische Erkrankung wiederholt gesehen. Bei jedem Kind, das mit Verdacht auf Pseudokrupp in der Klinik vorgestellt wurde, war und ist an diese Erkrankung zu denken.

Bis 1990 erkrankte circa eins von 500 Kindern in den ersten fünf Jahren an einer invasiven Hib-Infektion mit einer Sterblichkeit von 5 Prozent. 30 Prozent der Kinder behielten relevante Dauerschäden. Seit 1990 empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert Koch-Instituts die Hib-Impfung für alle Säuglinge. Besonders gefährdet sind bereits Kinder ab sechs Monaten, deshalb sollte die Impfung möglichst frühzeitig begonnen und vollständig abgeschlossen werden. Die Impfung erfolgt mit einem Sechsfach-Kombinationsimpfstoff (Hib, Diphtherie, Pertussis, Tetanus, Poliomyelitis, und Hepatitis B). Seit Juni 2020 empfiehlt die STIKO ein vereinfachtes 2+1-Schema zur Grundimmunisierung: 1. Impfung mit zwei Monaten, die 2. mit vier und die 3. Impfung mit elf Monaten. In den 90er-Jahren ist es zu einer dramatischen Abnahme der invasiven Hib-Infektionen gekommen. Die Eltern des berichteten 18 Monate alten Kindes hatten entgegen der Impfempfehlung die Durchführung einer Hib-Impfung abgelehnt und ihr Kind dadurch verantwortungslos der Gefahr ausgesetzt eine lebensbedrohliche Infektion zu erleiden.

Prof. Dr. Christoph Korenke Klinikdirektor

am Elisabeth-Kinder-

krankenhaus Olden-

burg und Ärztlicher Direktor des Klinikums Oldenburg