Seit Beginn des Jahres hält uns die Corona-Krise [...] in Atem. Und zurzeit ist das Ende noch nicht eindeutig abzusehen. Gerade diesem Umstand ist es geschuldet, dass die Frage, wann es „zurück“ in die Normalität geht, immer häufiger gestellt wird. Die Frage ist durchaus berechtigt, wenngleich irreführend. Denn klar ist: die Normalität nach der Corona-Krise wird und muss eine andere sein.
Jenen, die gewillt sind, die Sozialsysteme abzuschaffen, die Gesundheitssysteme zu privatisieren und gewinnorientiert umzubauen, muss klar sein, dass im Fall einer Krise wie derzeit diese vermeintlichen Einsparungen zu unermesslichen Problemen führen. Dies lässt sich am Beispiel der USA gut erkennen. Durch die Corona-Krise wurden Millionen Menschen auf einen Schlag arbeitslos und verloren damit ihre Krankenversicherung. Eine Infektion bedeutet für diese Menschen auch den finanziellen Ruin. Es darf in Deutschland und in Europa keine Entwicklung in diese Richtung geben.
Der Schlüssel muss Solidarität sein. Das gilt einerseits in der Nachbarschaft, mit unseren Familien und Freunden, aber auch als Gemeinschaft, als Mitgliedstaat der EU.
Zurzeit scheint die EU hier aber eher machtlos. Die Entscheidungsgewalt liegt zum größten Teil bei den Mitgliedstaaten, die Grenzen innerhalb der EU werden dichtgemacht. Der europäische Gedanke, die europäische Integration bleibt hier auf der Strecke. [...] „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ So steht es im Grundgesetz. „Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, (…)“ legt der Vertrag von Lissabon über die Europäische Union fest. Diese Werte beziehen sich nicht auf die Menschen innerhalb der EU-Grenzen, sondern auf alle Menschen. Den Geflüchteten, die zurzeit in Lesbos in maßlos überfüllten Flüchtlingslagern oder vor Libyen in seeuntauglichen Schlauchbooten sitzen, muss geholfen werden.
[...] Und die Zeit für ein stärkeres Handeln drängt. Denn wenn das Corona-Virus in diesen Lagern grassiert, wird es für die meisten der Flüchtlinge schrecklich enden. [...]
Die Corona-Krise ist eine Aufgabe, deren Bewältigung für uns alle eine große Anstrengung ist. Zusätzlich bringt sie Probleme ans Licht, die schon vorher existierten, jetzt aber drängender denn je sind. Deswegen lasst uns auf das „Nachher“ blicken. Auf das, was kommt, wenn wir diese Krise überstanden haben. Aber lasst uns die Grundsätze, die wir uns als Lehre nach der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegeben haben, auch schon jetzt, wie auch in Zukunft ernst nehmen. Lasst uns nicht zurück, sondern weiter in eine neue Normalität gehen. Dazu gehört, dass wir systemwichtige Berufe nicht nur mit Applaus bezahlen und dass wir den Menschen die in unserem Land leben, ein lebenswertes Dasein ermöglichen. Aber auch, dass wir das Sterben an den EU-Außengrenzen endlich beenden.
