Seit ungefähr acht Wochen befindet sich auch Europa im Ausnahmezustand. Es ist eine Zeit, in der alles neu und alles anders ist, in der Regelungen und Gesetze erst neu gefunden werden müssen und es auf jeden Einzelnen ankommt, seine persönlichen Bedürfnisse zurückzustellen und Gewohnheiten abzulegen.

Interessant hierbei ist für mich die Varietät der Reaktionen im Kleinen, wie auch auf internationaler Ebene. Nachdem der bei den meisten zunächst vertretene Unglauben gewichen war, trat zuerst eine Reaktion auf, die nicht weiter überraschend gewesen sein dürfte, aber in ihrem Umfang doch verblüffte: Aus Angst vor vermeintlich drohender Lebensmittelknappheit begannen die ersten Menschen zu hamstern, was eine Art extremen Futterneid auslöste und dazu führte, dass viele jede Packung Nudeln im eigenen Einkaufswagen besser aufgehoben wähnten, als in dem der Mitmenschen.

Was mich jedoch wirklich überraschte, war die massive Bewegung von Nächstenliebe und Zusammengehörigkeitsgefühl, die daraufhin zwischen den Menschen einsetzte: Menschen begannen für andere, die zu Risikogruppen gehören, einzukaufen, Masken zu nähen und zu verschenken, sich einfach mal bei Kassierern/-innen für ihre Arbeit zu bedanken, „social distancing“ wurde häufig schnell zum neuen Alltag und in Italien und auch in Frankfurt hängten Menschen Körbe mit Lebensmitteln für Obdachlose an ihre Häuser.

Auch auf internationaler Ebene heben sich die Unterschiede krass voneinander ab. Während Donald Trump versuchte, sich exklusiv für die USA Rechte an Forschungen für einen Impfstoff zu sichern und sich Länder weltweit gegenseitig mit Preisen für FFP-Schutzmasken überbieten, gibt es gleichzeitig Zeichen von gegenseitiger Fürsorge. Wie 52 kubanische Ärzte, die das überlastete Gesundheitssystem Italiens unterstützen, oder deutsche Krankenhäuser, die Corona-Patienten aus dem stark betroffenen Frankreich aufnehmen. Kurzum: Ich bin verblüfft. Und allein diese Verblüffung ist schon ein trauriges Zeichen.

Im „normalen“ Alltag ist Nächstenliebe so viel seltener als egoistisches Verhalten geworden, dass es verwundert, wenn es gerade in Krisenzeiten einmal anders ist. Ich denke, es liegt auch an der Zeit, die einige durch die großangelegten Quarantäne-Maßnahmen gewinnen. Zwischen Leistungsdruck, Profit- und Wirtschaftsdenken kommt eben viel Zwischenmenschliches zu kurz.

Nur: Wenn wir Menschen doch jetzt wissen, dass wir doch noch dazu in der Lage sind, auch an andere zu denken, wäre es nicht schön, das auch in den Alltag nach Corona zu integrieren? In diesem Fall würden wir zumindest etwas Positives aus der Krise mitnehmen.