Es ist bezeichnend, dass die Tuba von den Landes­musikräten zum „Instrument des Jahres“ 2024 gekürt wurde und so die zartbesaitete Mandoline ablöst. Das größte und tiefste Blechblasinstrument scheint derzeit das letzte Mittel, um in der Dissonanz von Traktor-Gehupe, „Die Ampel muss weg“-Gedröhne und Talkshow-Geschwätz durch­zudringen.

Die Tuba – lateinisch für Röhre – wurde einst für eine satte Basslage in Militär­kapellen erfunden. Wenn also der militärische Signalgeber in der Infanterie die römische Tuba einsetzte, schaute der Gegner meist in die Röhre.

In unseren unruhigen, umwälzenden Zeiten scheint die ­Parole „Size matters“ (Größe zählt) ausge­rufen. SUVs, die Panzerwagen der ergrauten Stadtguerilla, parken zwei Plätze vor dem Discounter gleichzeitig zu, Fünftonner machen sich vom Acker auf die Zufahrtsstraßen, inszenieren sich hier als ­„Letzte Generation vom Land“ und die Laubbläser machten noch vor dem Winteranfang im Presslufthammer-Sound mit mehr als 100 Dezibel und gesundheitsschädlichen Abgasen jedem noch so kleinen Lebe­wesen den Garaus.

Die Herausforderungen für unsere Gesellschaft sind gewaltig: Klimakrise, Wissenschaftsfeindlichkeit, Rechtspopulismus, Antisemitismus, Migration oder Hamas-Terror: Auf unterschiedlichen Kanälen streben Aktivisten und ­Aktionisten, die gemäßigten Stimmen wie die Verdränger und Leugner, AfD-Napfsülzen und sonstige Flitzpiepen, nach Deutungshoheit.

Es ist schon möglich, dass man in dieser Kakophonie die relevanten Stimmen der Kultur überhört hat. Oder gab es sie gar nicht, weil sie sich ­erschrocken ins kuschlige Schnecken-Homeoffice zurückgezogen haben? Weil sie besorgt sind wegen „Cancel Culture“, der vorauseilenden Unterwürfigkeit, einem zu erwartenden Streit aus dem Weg zu gehen, diesem Selbstmord im dialektischen Sinne aus Angst vor dem Tod.

In diese Richtung stößt die Initiative von Berlins neuem CDU-Kultursenator Joe Chialo, der eine Antidiskriminierungsklausel bei der Vergabe von Fördermitteln einführen will. Schon der Eingangssatz seiner Begründung muss die Kulturschaffenden verstören: „Kunst ist der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält“.

Nein, wir brauchen keinen deutschen Leitkitt – schon gar keinen Berliner, hält sowieso nicht. Kunst muss Reibfläche sein, Debatten anstoßen und dabei auch das ­wütende Geschrei Andersdenkender aushalten. Um unsere Demokratie samt Meinungsfreiheit und Freizügigkeit zu verteidigen, ist es selbstverständlich, dass keine rassistischen, antisemitischen, queerfeindlichen oder anderweitig ausgrenzenden Ausdrucks­weisen befördert werden. Ein Bekenntniszwang oder eine Gesinnungsprüfung wäre indes ein fatales politisches Instrument.

Wer es nicht glaubt oder vergessen hat, dem sei von diesem Samstag an das Stück „Saal 600“ des Oldenburgischen Staatstheaters empfohlen. Die „dokumentarische Sprechoper“ über die Nürnberger Prozesse bietet keine leichte Theaterkost, führt aber schonungslos vor Augen, wozu Menschen in deutschem Namen fähig waren.

Oliver Schulz
Oliver Schulz Redaktion Kultur/Medien (Ltg.)