Der Fußball lebt in seiner eigenen Blase, er bewegt sich immer weiter weg vom Fan, er verliert jeglichen Kontakt zum „echten Leben“ – das alles sind mehr oder weniger prominente Vorwürfe, die sich das mit Milliarden vollgepumpte Profigeschäft bereits vor der Corona-Krise anhören musste. Der Fußball ist aber eben auch weltweit die Sportart Nummer eins und hat diese Ausnahmestellung in Deutschland über Jahre hinweg clever vermarktet. Wie der Fußball sich nun allerdings im Zuge der Coronavirus-Pandemie präsentiert, stellt ihn – leider – noch weiter ins Abseits der Gesellschaft als vermutet.
Es kommt ja im ersten Moment nachvollziehbar daher, wenn die DFL damit argumentiert, dass das Produkt Bundesliga 36 000 Arbeitsplätze sichert und dass viele dieser Jobs wegfallen, da 13 von 36 Proficlubs bei einem Saisonabbruch vor der Insolvenz stehen sollen. Dass die Liquidität von großen Vereinen aber schon gefährdet ist, wenn der TV-Rechteinhaber Sky lediglich eine Rate seiner Knete nicht zahlen würde, stellt das Geschäft bereits im ersten Gang bloß. Wie abhängig kann man sich als größte Sportart des Landes eigentlich von TV-Übertragungen machen?
Dann wäre da das Thema Gehaltsverzicht der Spieler, die einen wesentlichen Teil zum desaströsen Bild beitragen. Sind 15 bis 20 Prozent Verzicht, teils auch 30, wirklich eine Lösung im solidarischen Sinne? Wäre dies nicht der richtige Zeitpunkt für die etlichen Millionäre zu sagen, wir verzichten komplett auf unser Gehalt, wie es bei AS Rom in Italien nun geschehen ist? Der Verdienst vor und nach der Krise dürfte bei jedem Einzelnen ausreichen, um weiter ein gutes Leben zu führen.
Dass überdies ein Weltmeister wie Mesut Özil (dieser kurze Abstecher nach England muss sein) allen Ernstes sich beim FC Arsenal offensichtlich gegen einen (recht geringen) Gehaltsverzicht ausgesprochen haben soll, schlägt dem Fass dann den Boden aus. Der Mann verdient bei dem Club aus London 400 000 Euro – Achtung – in der Woche!
Zurück nach Deutschland. Endgültig blamiert hat sich die DFL nun mit ihrem Konzept, wie sie die als einzige Rettung der Vereine auserkorenen Geisterspiele mit aller Macht durchdrücken möchte. Vom Verzicht auf Handshakes ist die Rede, während sich auf dem Platz 90 Minuten in Zweikämpfe geworfen wird. Von Abstand beim Training, auf der Auswechselbank und beim Duschen, während man wichtige Tore wahrscheinlich ganz automatisch gemeinsam feiern würde.
Und dann ist da noch der Punkt in der Empfehlung der medizinischen Task Force, der deutlicher nicht zeigen könnte, wie weit der Fußball sich von der Gesellschaft entkoppelt und wie sehr er eben doch die Sonderrolle einfordert, die er laut eigenen Angaben gar nicht haben will: Infizierungen von Spielern sollen nicht direkt an Medien gemeldet werden und der Kader müsse groß genug sein, um krankheitsbedingte Ausfälle abzufangen. Heißt nichts anderes als: Infiziert sich ein Spieler, sollen die Clubs dies der Öffentlichkeit erstmal verschweigen, sonst kann die Liga ja nicht weitermachen. Dass ein infizierter Spieler und die daraus resultierende Quarantäne ganzer Mannschaften die Blase zum Platzen bringen und das Ende der Geisterspiele bedeuten würde, steht dabei doch außer Frage, oder?
Faire Lösungen für alle wird es im Zuge der Corona-Krise genauso wie in der Gesellschaft auch im Fußball nicht geben. An einem Abbruch der Saison führt im „echten Leben“ eigentlich kein Weg vorbei. Ob der Profifußball seine Blase noch verlassen und in die reale Welt zurückkehren will, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Und es wird sich zeigen, ob die Liebe der Deutschen zu ihrer Sportart Nummer eins tatsächlich endlos ist – oder ob sich nicht immer mehr Fans kopfschüttelnd abwenden.
Lars Blancke über die Pläne der Deutschen Fußball Liga zur Saison-Fortsetzung
