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NWZ-Kolumne „Gerade heraus“ Von Selbstdarstellern und Cursor-Journalismus

Thomas Haselier
Sind aus Sicht unseres Kolumnisten Thomas Haselier streitbare Charaktere: Richard David Precht (rechts), Philosoph und Publizist, und Harald Welzer, Soziologe und Publizist

Sind aus Sicht unseres Kolumnisten Thomas Haselier streitbare Charaktere: Richard David Precht (rechts), Philosoph und Publizist, und Harald Welzer, Soziologe und Publizist

Rolf Vennenbernd/dpa

Oldenburg - Zum zweiten Mal haben es jetzt Deutschlands Talkshow-Philosophen Harald Welzer und Richard David Precht in diese Kolumne geschafft. Vorweg: Das ist durchaus ärgerlich, man sollte den beiden populistischen Selbstdarstellern eigentlich nicht unnötig so viel Aufmerksamkeit zukommen lassen. Doch insbesondere Welzer geisterte in den vergangenen Wochen mit seinen skurrilen Stellungsnahmen zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan durch die Gazetten, was man nicht einfach so stehen lassen kann.

„Falscher Pazifismus“

Serhij Zhadan hatte in seiner Rede in Frankfurt manche europäischen Intellektuellen und Politiker kritisiert, die den Ukrainern ihre Weigerung vorwerfen, sich zu ergeben. Daraus spreche ein falscher Pazifismus. Offenbar seien einige zugunsten persönlicher materieller Vorteile bereit, „ein weiteres Mal das totale, enthemmte Böse zu schlucken“. Merkwürdig, dass Welzer sich sofort angesprochen fühlte. Den langanhaltenden Beifall des Publikums empfand er als „gesinnungsethische Überanstrengung“.

Die bekam ich tatsächlich, als ich seine Erläuterung dazu las, die Sozialpsychologe Welzer offenbar selbst als Steilvorlage für Kritiker sah („Noch einen kritischen Kommentar, wo ich wahrscheinlich auch wieder schieren Ärger dafür kriege…“). Damit dürfte er recht behalten. Er sagte: „Die Veränderung des zivilisatorischen Sprechens, die sich unter anderem in bestimmten Sätzen des Friedenspreisträgers ausdrückt in Bezug auf die Gegner – die verstehe ich psychologisch aus seiner Perspektive, will ich auch überhaupt nicht kritisieren – aber sie sind kein Beitrag zur Zivilisation, sondern sie sind Teil eines dezivilisierenden Prozesses, der von anderen angestoßen worden ist.“ Die eigentliche Kulturleistung wäre, dass man sich nicht in den Dezivilisierungsprozess reinziehen lasse. In der Situation eines Dritten habe man ein viel größeres Handlungsspektrum zur Verfügung, Solidarität auf anderem Wege zu dokumentieren und Diplomatie zur Beendigung des Konflikts einzusetzen. Wie seine Solidarität aussehen soll, blieb ebenso unscharf wie konkrete diplomatische Vorschläge, die Putins mörderischen Krieg stoppen könnten.

Mal abgesehen davon, dass das schlechtes und unverständliches deutsch ist, bleibt nur erstauntes Kopfschütteln über die eigenartigen Gedankengänge des Philosophen zum Ukraine-Konflikt, die verdeutlichen, wie wenig Geschichtsverständnis bei ihm vorhanden ist. Welzer und Precht, der in dasselbe Horn stößt, gehören an die Spitze der intellektuellen Putin-Versteher und sind damit in bester Gesellschaft mit Sahra Wagenknecht, die gerade dabei ist, die deutsche Linke zu sprengen. Der Liedermacher Wolf Biermann bezeichnete die drei in einem „Zeit“-Interview als falsche Pazifisten und Secondhand-Kriegsverbrecher. Der Krieg gegen Putin sei ein Freiheitskrieg. Dem kann man nicht ernsthaft widersprechen.

Die Appeasement-Politik hat im vergangenen Jahrhundert letztlich zum Zweiten Weltkrieg geführt. Es gibt durchaus Parallelen zur heutigen Sicherheitslage. Die Annexion Tschechiens war für Hitler ein Test, dem ein Jahr später der Überfall auf Polen folgte. Natürlich lassen sich Hitler und Putin nicht einfach vergleichen. Aber dennoch hat die Welt Putin 2014 den Griff nach der Krim durchgehen lassen wie die Alliierten Hitler die Tschechien-Annexion. In beiden Fällen gab es die – vergebliche – Hoffnung auf Ruhe danach.

Vielfältiges Medienangebot

Unsere TV-Philosophen und Sozialpsychologen blenden historische Fakten ganz offensichtlich gern aus, was den erzieherischen Markus Lanz nicht daran hindert, die beiden immer wieder einzuladen, zuletzt bei der Diskussion über ihr neues Buch „Die vierte Gewalt“. Ich habe es (widerwillig!) gelesen. Darin kritisieren sie den „Cursor-Journalismus“ quasi als „Einheitsjournalismus“ in Deutschland, wofür sie besonders das Thema Ukraine-Krieg als Beweis anführen. Das Buch, das vor allem ihre eigene Unabhängigkeit hervorhebt, strotzt nur so von Ungenauigkeiten und mangelnder Recherche, man hat den Eindruck, beide haben noch niemals in ihrem Leben eine Redaktion von innen gesehen. Vor allem aber lässt es eines völlig außen vor: Wir haben in Deutschland ein immer noch sehr vielfältiges Medienangebot, das ohne politischen Druck von außen arbeiten kann. Ganz anders sieht so etwas im Einflussbereich von Putin in Russland, bei Xi Jinpin in China oder bei den Mullahs im Iran aus. Über besseren Qualitätsjournalismus kann und muss man debattieren.

Wenn aber just in diesen Tagen in Deutschland die überwältigende Zahl der Journalisten der Auffassung ist, auch mit Waffenlieferungen an die Ukraine Putin zu stoppen statt sich auf Diplomatie zu beschränken, ist das kein Beweis für mediale Selbstgleichschaltung, sondern eher ein Hinweis darauf, dass die Kollegen unter anderem auch in der Ukraine ihren Job machen und offensichtlich ein bisschen besser informiert sind als unsere beiden TV-Philosophen. Mit Cursor- oder Einheitsjournalismus hat das jedenfalls nichts zu tun.

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