Der Fall Yücel, die Wahlkampfauftritte türkischer Politiker sowie die präpotenten Drohungen Ankaras sind Gelegenheit, deutsch-türkische Lebenslügen Revue passieren zu lassen. Diese sind maßgeblicher Grund, warum die aktuellen Zerwürfnisse derartig tiefe Enttäuschungen und emotionale Verletzungen auf beiden Seiten anrichten.

In Deutschland gibt man sich seit Jahren Selbsttäuschungen über Charakter und Kurs der türkischen Republik hin. Die Chefredakteurin der „Wirtschaftswoche“, Miriam Meckel, schrieb am Freitag, die Türkei „schaffe den Rechtsstaat ab“. Irrtum. Den hat es dort nie gegeben, ebenso wenig wie eine Demokratie. Auch in der Zeit vor Erdogan herrschten neben Militärdiktaturen bestenfalls scheindemokratische Verhältnisse. Minderheitenrechte für Kurden und Christen gab es nicht. Die Justiz war niemals unabhängig, und Opposition wie Medien wurden schon immer kujoniert. Diese Verhältnisse haben sich auch niemals wirklich „verbessert“. Mithin war die Türkei auch zu keiner Zeit „auf dem Weg zur Demokratie“.

Solche Fehlwahrnehmungen haben ihre Ursache in einer Täuschung über den Republikgründer Kemal Atatürk und seine Ideologie, den Kemalismus. Atatürk war Nationalist und Laizist – aber kein Demokrat. Der Kemalismus ist so wenig wie der Islamismus eine Version westlicher Demokratie, ja auch nur mit dieser kompatibel. Das wusste bereits Antoine de Saint-Exupéry, der im „Kleinen Prinzen“ Atatürk als „Diktator“ porträtierte. Nichts anderes war er.

Nun wird in beiden Ländern auch die „alte deutsch-türkische Freundschaft“ beschworen. „Freundschaft“ gibt es natürlich zwischen Staaten nicht – nur Interessen. Und so ist auch jene „Freundschaft“ eine fatale Selbsttäuschung. Jede Kooperation – ob im Ersten Weltkrieg oder beim Anwerbeabkommen von 1961 – war eben nur Resultat temporärer Interessengleichheit. Ansonsten sind die beiden Länder sich historisch, kulturell und mental völlig fremd.

Erst wenn diese Täuschungen als solche erkannt werden, kann ein neuer Realismus in das bilaterale Verhältnis einziehen. Als ersten Schritt sollte die deutsche Politik nun mindestens verhindern, dass türkische Antidemokraten in unserem Land Werbung für eine Diktatur machen.

Dr. Alexander Will
Dr. Alexander Will Mitglied der Chefredaktion (Überregionales), Leiter Newsdesk