Leipzig/Oldenburg - In den Städten war so viel Wahlkampf wie nie zuvor: Die Parteien pflasterten Leipzig, Dresden oder Chemnitz mit ihren Plakaten regelrecht zu. Nur eine Partei blieb da in den vergangenen Wochen seltsam unterrepräsentiert, obwohl sie in aller Munde ist, ja sie es ist, deren mutmaßliche Erfolge in Sachsen und Brandenburg ganz Deutschland in Erregung versetzen. Die Rede ist von der AfD.
Ob das nun an der noch immer improvisierten Struktur der AfD liegt oder an Zerstörungskampagnen gegen ihre Plakate, sei dahingestellt: In den beiden Ländern, in denen am Sonntag gewählt wird, hat die Partei die Parole ausgegeben: Wir wollen stärkste Fraktion werden. In Sachsen wird das wohl schwierig. Da zieht die CDU von Ministerpräsident Michael Kretschmer langsam aber sich in den Umfragen davon. In Brandenburg dagegen sieht es nach einem sehr engen Rennen mit der SPD um den Titel „stärkste Kraft“ aus. Und: Natürlich sind Umfrage-Werte für die AfD zwischen 21 Prozent in Sachsen und 26 Prozent in Brandenburg verglichen mit westdeutschen Ländern eine völlig andere Welt. Die ist entstanden, weil der Osten eben der Osten ist.
Autoritäres Jahrhundert
Wenig symbolisiert das besser als eine Plastik, die in der Leipziger Innenstadt steht: Wolfgang Mattheuers „Jahrhundertschritt“ von 1984. Zu DDR-Zeiten entstanden, thematisiert sie in einer albtraumartigen menschlichen Figur die Zerrissenheit des Landes zwischen zwei Diktaturen – dem Nationalsozialismus und dem Sozialismus – und den Verlust der Mitte und des Maßes. Es ist diese Situation, die im Osten überall nachwirkt. Es macht eben etwas mit den Menschen einer Region, wenn sie insgesamt 56 Jahre von autoritären, menschenverachtenden Regimen beherrscht worden sind. Es macht auch etwas mit den Menschen, wenn viele in dieser Region diese Regime zudem mit ihrem Handeln gestützt haben.
Von Mattheuers „Jahrhundertschritt“, der im Zentrum Leipzigs steht, ist es räumlich nur ein Katzensprung bis zum Augustusplatz, auf dem sich 1989 Hunderttausende gegen das SED-Regime stellten. Dieser, in Erstarrung begriffene, Mythos des ehemaligen Karl-Marx-Platzes ist heute Hindernis zur zweiten Erkenntnis, die nötig ist, um das Geschehen im Osten zu verstehen.
Es ging um Bananen
Der Weg zu ihr beginnt mit einer Wahrheit, die den Mythos ankratzt: Den meisten, die da damals über Monate jeden Montag auf dem Platz standen, ging es eben nicht um so abstrakte Werte wie „Demokratie“ oder „Freiheit“. Das war eine Minderheit. Der Mehrheit ging es um Bananen. Die enorm wirkungsmächtige Parole von damals „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh‘n wir zu ihr!“ sollte man sich in Erinnerung rufen. Es ging damals auf dem Karl-Marx-Platz und anderswo vor allem um ein besseres Leben, um konkrete materielle Verbesserungen und neue Chancen. Abstrakte Werte waren für die meisten nur Mittel zum Zweck, wenn sie überhaupt eine Rolle spielten.
Das ist nicht ehrenrührig und mindert auch nicht den Mut, gegen ein bis an die Zähne bewaffnetes Regime aufzustehen. Aber wer diese Motivation versteht, der versteht auch einen Teil der Wut. Der Vergleich mit dem Westen ist immer da, und die Verhältnisse in Görlitz, Plauen oder Delitzsch sind eben noch immer nicht annäherend so, wie in Oldenburg, Jever oder Aschaffenburg. Darüber täuschen die feinen Straßen und renovierten Häuser nur den flüchtigen Besucher aus dem Westen hinweg.
Gefühl des Betrugs
Die teilweise Fehlwahrnehmung der Symbolkraft des Jahres 1989 hat eine weitere Facette: Die liegt in der Verkennung, was eine Erfahrung wie diese bedeutet. Die Menschen wissen jenseits aller Motive für ihren Aufstand: Man kann eine Regierung stürzen und einen Staat zerstören. Einfach so. Ohne Gewehre. Nichts ist ewig in der Politik. Unter dieser Gewissheit lebt dann das Gefühl: Was nach diesem Sturz folgt, ist ein Umbruch zu etwas, das nur „anders“ aber nicht „überwältigend besser“ ist.
Genau dieses Gefühl wird nun von den politischen Rändern angefacht. Die AfD fordert: „Vollende die Wende!“ Die Linkspartei schwärmt von Polikliniken, DDR-Einheitsschule sowie –Kindergärten und setzt in Berlin jetzt eine konfiskatorische Politik um, die direkt aus den Lehrbüchern de SED-Regimes stammt. Der Mythos 1989 und der Verweis auf die DDR verstellen bei all dem auch den Blick auf eine weitere Wahrheit: Die Wende- und DDR-Erfahrungen sind eben schon länger nicht mehr alles, schon längst nicht mehr dominant.
Heute sind das die unmittelbaren Erfahrungen der 30 Jahre danach. Die bestehen für eine Mehrheit der Menschen in Deindustrialisierung, Entvölkerung, Abwanderung von geliebten Menschen und Braindrain, im Fall aus gesicherter Existenz und folgenden persönlichen Demütigungen in Arbeitsämtern oder bei der Hartz-IV-Beantragung sowie in gefühlter und echter Kolonialisierung in Verwaltung, Medien und Wirtschaft. Der im westlichen Juste Milieu grassierende Hass auf „Dunkeldeutschland“ wird da fast zur Marginalie. „Spiegel“ & Co. liest östlich der Elbe ohnehin kaum noch jemand.
Fehlgeleitete Deutungshoheit
Das heißt: Gelesen werden die Zentralorgane westdeutscher Deutungshoheit schon – in großen Städten wie Dresden, Leipzig, Potsdam oder Erfurt. Diese Städte stehen nämlich für ein weiteres Phänomen, das gern von Ostdeutschland-Astrologen übersehen wird: Der Osten ist schon lange nicht mehr homogen. In den großen Städten, besonders da, wo es Universitäten gibt, hat sich längst ein rot-grünes Milieu etabliert, das von dem in den alten Ländern nicht mehr zu unterscheiden ist. Das zeigen nicht zuletzt Wahlergebnisse etwa in Leipzig. Weil, wie in Sachsen, diese Ballungszentren vor allem durch Einwanderung aus Westdeutschland wachsen, während der ländliche Raum und abgehängte Regionen wie die Lausitz oder Teile des Erzgebirges weiter schrumpfen, gewinnt auch im Osten dieser deutsche politische Mainstream an Boden. Der Rest radikalisiert sich dann – entweder nach links oder rechts.
Das erklärt zu einem guten Teil das zu erwartende Ergebnis der Wahlen und noch deutlicher die zunehmende Zerrissenheit auch solcher Bundesländer wie Sachsen. Denn selbst wenn es so mancher, wie etwa der „Spiegel“, gern schlicht und einfach, mit dem plakativen Feindbild „Deutschlandhütchen“, hätte: „Den“ Osten gibt es schon lange nicht mehr. Und das wüsste man auch, wenn man sich in Hamburg, Düsseldorf, München und selbst Berlin wirklich für diese Gegend und ihre Menschen interessieren würde, statt sie als das deutsche „Andere“, den Mr. Hyde der „guten“ Bundesrepublik, zu missbrauchen.
Alle fünf Podcasts von Alexander Will aus Leipzig, Dresden, Augustusburg und Görlitz hören Sie hier.
