Amor ist in der römischen Mythologie ein Gott, der mit seinen Pfeilen ins Herz trifft und dadurch die Liebe erweckt. Papst Franziskus ist kein Gott und schießt nicht mit Pfeil und Bogen. Doch „Amoris Laetitia, Freude der Liebe“ ist ein Brief, der ins Herz der katholischen Kirche zielt. Ob er dort die Liebe neu befeuert?
Nötig wäre das dringend. Die katholische Kirche sieht sich von vielen Seiten bedrängt: von innen durch schwindende Priesterzahlen und die Not, immer mehr Pfarreien zu Großverbänden verschmelzen zu müssen; von außen durch die Abwendung immer größerer Teile der Gesellschaft. Der unvorstellbare Missbrauchsskandal hat das kirchliche Selbstverständnis zutiefst erschüttert.
Die Kirche will eine Botschaft der Liebe verkünden; doch mit Dogmenstrenge stehen sich manche Verkündiger selbst im Weg. Noch schwerer wiegt, wie viele Christen im Alltag so gar keine Freude ausstrahlen. Lauheit und Routine decken das Feuer ab, das die Bibel entfachen will.
„Liebe – und tu’ was du willst.“ Der große Redner und Schriftsteller Augustinus von Hippo hat auf den Punkt gebracht, wie befreiend und kraftvoll die Liebe ist. Das jüngste Papst-Schreiben atmet diesen Geist. Franziskus nimmt den Mensch in den Blick, nicht die Lehre. Seine Überlegungen sind getragen vom Gedanken der Barmherzigkeit, nicht der Gerechtigkeit. Auch wer nicht katholisch ist, liest mit Gewinn, was der Papst zu Sexualität und Eros zu sagen hat, zu Familie und menschlichem Miteinander.
Kritiker bemängeln, erneut seien die Belange von wiederverheiratet Geschiedenen, von Homosexuellen und anderen Gruppen, denen die Kirche Jahrhunderte die kalte Schulter gezeigt hat, unzureichend gewürdigt. Doch das ist nicht das Ziel dieses Schreibens. Innerkirchlich bedeutet „Amoris Laetitia“ einen gewaltigen Schritt nach vorn. Und innerhalb wie außerhalb der katholischen Kirche macht der Papst die Botschaft der Bibel klarer.
Nach dem „Jahr der Barmherzigkeit“, das der Papst für 2016 ausgerufen hat, ist das jüngste Schreiben ein weiteres starkes Zeichen: Bei Franziskus ist mit allem zu rechnen.
