Die Krise in der Ukraine bringt die Geopolitik zurück. Nach dem Zerfall der Blöcke, nach dem Scheitern der kommunistischen Utopie, schien die Welt in ein Gewimmel kleinerer und größerer Mächte und Bündnisse zu zerfallen – mit den USA als Schiedsrichter. Zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks deutet nun alles darauf hin, dass sich neue Blöcke formieren.
Amerika hat in seiner Rolle als Schiedsrichter versagt. Die beiden großen Projekte in Afghanistan und im Irak, wo Despotien freiheitlichen Ordnungen weichen sollten, sind gescheitert. Trotz internationaler Beteiligung ist dies ein Versagen der USA, wie auch die Unmöglichkeit, den Konflikt zwischen Israelis und Arabern zu beenden. Amerika ist trotz seiner militärischen Stärke keine alleinige Supermacht und keine unangefochtene moralische Instanz mehr. Ebenso wenig ist Europa zu einem eigenständigen, bestimmenden Faktor in der Welt geworden. War es in den Neunzigern unfähig, den Balkan zu befrieden und unterstützte es im „Arabischen Frühling“ die Falschen, so tut es sich heute schwer, Interessen im Osten zu formulieren, die über bornierte, historisch bedingte Russophobie hinausgehen. Das Resultat ist furchtsame Anlehnung an die USA.
Russland hingegen formuliert und verfolgt seine Interessen wieder selbstbewusst. Diese bestehen vor allem darin, als eurasische Großmacht anerkannt zu werden. Moskaus Werben um China soll dazu beitragen, ein Gegengewicht zum Westen, der in vielfacher Hinsicht als Bedrohung wahrgenommen wird, zu schaffen. Auf der anderen Seite fürchtet man sich im Kreml aber auch vor dem Nachbarn im Osten – und fühlt sich im Übrigen kulturell wie mental Europa zugehörig.
China hingegen kann sich in der Rolle der umworbenen Braut sehen, sich Partner aussuchen. Die Schaukelpolitik in der Ukraine-Krise zeigt das. Während sich der Konflikt zwischen Russland und dem Westen also verfestigt, wartet Peking ab – und rüstet auf. China wird so in die Lage versetzt, das Gleichgewicht der Blöcke in jene Richtung zu verändern, die seinen Interessen entspricht. Genau dieses Ziel steckt hinter dem Begriff einer „multipolaren Welt“, den Chinas Politiker so gern in den Mund nehmen.
