Siegt am Ende doch die Vernunft? Nach dem Krisengipfel zur Ukraine in Genf schlug Russlands Präsident Wladimir Putin in einer großen Fernsehshow versöhnliche Töne an und zeigte Gesprächsbereitschaft. Und auch der Westen schickte Signale der Entspannung – so wurde zum Beispiel die zunächst sehr bedrohliche Einschätzung russischer Truppenaufmärsche an der ostukrainischen Grenze flugs relativiert.

Nach Wochen der Eskalation ging der Konflikt mit dem Genfer Krisengespräch und dem dort vereinbarten Friedensplan in eine neue Phase. Der Westen hatte zuvor den Druck auf Russland erhöht, indem er laut und konkret über Alternativen zu russischem Öl und Gas nachgedacht hatte – und damit Russlands wundesten Punkt traf. Der kühl berechnende Putin spürt womöglich, dass er an einem kritischen Punkt angekommen ist. Die Risiken eines Bürgerkriegs in der Ukraine könnte auch er nicht mehr kontrollieren.

Mit seinem neuen Kurs kann Putin auch in der eigenen Bevölkerung punkten: In die russische Sehnsucht nach alter Stärke mischte sich zunehmend Angst vor den Folgen einer wirtschaftlichen Isolation und eines bewaffneten Konflikts. Nun lässt sich Putin im Staatsfernsehen als Held und weiser Politiker feiern. Das übertüncht auch ein wenig die Irritationen, die das rigide Vorgehen der russischen Staatsmacht gegen Kritiker der Krim-Annexion ausgelöst hat. Zudem feiert Russland an diesem Wochenende Ostern – das wichtigste Fest der russisch-orthodoxen Kirche. Auch das mag ein Grund für die Entspannung sein.

Nun ist es wichtig, dass den Worten Taten folgen. Viele prorussische Separatisten in den ostukrainischen Gebieten weigerten sich zunächst, die Barrikaden und besetzten Gebäude zu räumen. Hier könnte Putin seinen Einfluss auf die Protestler geltend machen. Gleichzeitig muss die ukrainische Übergangsregierung bei ihren Plänen für die Zukunft des Landes die Interessen der russischsprachigen Bevölkerung berücksichtigen. Der Westen schließlich darf den aufgenommenen Gesprächsfaden nicht abreißen lassen. Denn die Tür für eine diplomatische Lösung der Ukraine-Krise steht wieder weit offen.

Ulrich Schönborn
Ulrich Schönborn Chefredaktion (Chefredakteur)