Dieser 29. März ist ein historischer Tag. Aber er ist gewiss kein Tag des Weltuntergangs. Er ist auch kein Tag, an dem Großbritannien den Weg in einen finsteren Abgrund antrat. Und er ist gewiss kein Tag, nach dem die Rest-EU ohne fundamentale Selbstkritik so weitermachen kann wie zuvor. Allerdings ist der 29. März sehr wohl ein Tag, der später einmal zum Studium niederer politischer Instinkte prächtige Beispiele liefern wird.
Da wetzt jetzt nämlich so mancher die Messer und schürt Rachegelüste. Für Manfred Weber (CSU) etwa zählen nun „nur noch“ die Interessen der EU. Den Briten wollen solche Leute den Austritt so teuer wie möglich machen. Dem Land soll geschadet werden, wo es nur geht, damit Nachahmer in der Rumpf-EU abgeschreckt werden. Das nun sind genau die Ideen, die das Bild der EU, wie es von Brexit-Befürwortern gezeichnet wird, bestätigen: Die Union als finsteres, zentralistisches Imperium, das alles Unbotmäßige unter den Stiefel tritt. Es steht zu hoffen, dass die Webers dieser Welt sich nicht durchsetzen.
Kluge Realpolitik wäre es hingegen, die Briten ziehen zu lassen und so gute Beziehungen wie möglich zur Insel aufzubauen. Leben und leben lassen eben. Für Freihandel, wissenschaftlichen Austausch oder Kooperation in Sicherheitsfragen braucht man keine EU-Mitgliedschaft. Wer jetzt hingegen Rachefantasien ausbrütet, der tritt jene Werte mit Füßen, die er vorgibt zu verteidigen.
Zudem hat der Brexit eine belebende Komponente: Alternativlosigkeit war gestern. Es gibt jetzt politischen Wettbewerb. Es muss sich erweisen, was das bessere Modell ist. Das britische, das auf souveräne nationale Entscheidungen und Orientierung auf Chancen in aller Welt setzt? Oder die EU der „immer weiteren Vertiefung“? Das Ergebnis ist keineswegs absehbar. Sicher ist nur, dass der blinde Weg der EU in den Zentralstaat zunächst einmal an einem Baum am Straßenrand geendet hat. Wer diesen Weg weitergehen will, wird weitere EU-Exits erleben. Es ist nämlich die junkieartige Gier europäischer Eliten nach dem Brüssler Überstaat, die letztlich den Euroskeptizismus mehr befeuert, als es ein noch so geschickter Demagoge je könnte.
