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NWZonline.de Nachrichten Politik Meinung

Einer, der die Welt erklärt

04.12.2018

New York In der Grundschule bieten Schülerzeitungen gewöhnlich Neuigkeiten vom Pausenhof, Steckbriefe oder auch Scherzfragen. Als Noam Chomsky mit zehn Jahren einen Beitrag für eine Schülerzeitung in Philadelphia verfasste, beklagte er den Faschismus in Europa nach Ende des Spanischen Bürgerkriegs. Als die Truppen von General Franco 1939 dann in Barcelona einmarschierten – Noam war gerade elf Jahre alt –, weinte der Junge.

Chomskys herausragende Intelligenz machte sich früh bemerkbar, heute wird er als Superstar linker Intellektueller verehrt. Seine Beiträge zur Sprachwissenschaft und den Erforschungen über das menschliche Bewusstsein sind kaum zu bemessen. Am 7. Dezember wird Chomsky 90 Jahre alt. Seine Energie und Ausdauer im hohen Alter begründete er in der „New York Times“ vor einigen Jahren mit der „Fahrrad-Theorie“: „So lange du weiterfährst, fällst du nicht hin.“

Die Laster der Großen Depression (1929-39) knüpften fast nahtlos an den Zweiten Weltkrieg an, als Noam Chomsky mit seinem jüngeren Bruder aufwuchs. Die russisch-jüdischen Eltern hatten Arbeit (sein Vater war College-Professor), aber Armut und Unterdrückung griffen überall um sich. Vor einer Textilfabrik beobachtete er, wie Polizisten demonstrierende Frauen blutig schlugen. Seine Wut über die Ungleichheit in der Welt sollte er später in zahllosen Beiträgen zur Außen- und Wirtschaftspolitik der USA entladen.

Die kometenhafte Akademikerlaufbahn Chomskys begann an der University of Philadelphia. Beeinflusst von seinem Mentor Zellig Harris grub er sich immer tiefer in die Welt der Linguistik ein und bekam bald einen Lehrauftrag am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge. Eine vier Jahrzehnte überspannende Professur, zwei Dutzend Ehren-Doktorwürden und Vorträge an Elite-Universitäten wie Columbia und Princeton folgten.

Zu den wichtigsten – und besonders umstrittenen – Theorien Chomskys zählt seine Universalgrammatik. Anstatt Sprachen nur zu lernen, werden Kinder ihm zufolge mit grammatischem Wissen geboren, einer Art vorprogrammierten Schablone für den Spracherwerb. Sein heute als „Chomsky-Hierarchie“ bekanntes Modell half zudem dabei, Sprachen anhand ihrer Grammatik zu bestimmen und einzuteilen.

Chomskys Ideen beeinflussten Psychologie, Philosophie und das Verständnis darüber, wie der Mensch seine Umwelt wahrnimmt und Informationen verarbeitet. Ein Ergebnis dieser Forschung ist das Feld der Kognitionswissenschaft. Aber auch Soziologen und Anthropologen horchten auf, sind die heute gebräuchlichen, unendlich komplexen Sprachen doch eine Fähigkeit, die den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet. Linguist Norbert Hornstein fasste zusammen: Fische schwimmen, Vögel fliegen, Menschen sprechen.

Vergraben oder verloren im linguistischen Diskurs hat Chomsky sich nicht. Vom Vietnamkrieg, den er als „Invasion“ der USA kritisierte, über die Terroranschläge vom 11. September 2001 bis zur Wahl von Donald Trump zählt er zu den wichtigsten Stimmen der politischen Debatte. Als Philosoph hätten seine Schriften, Reden und sein Aktivismus über mehr als 50 Jahre „beispiellosen Einblick und Herausforderungen an das amerikanische und an globale politische Systeme“ geboten, urteilte die „New York Times“.

Ungebrochen gießt Chomsky sein Wissen in Bücher – etwa 120 hat er seiner Website zufolge veröffentlicht. Er hat über Klangmuster des Englischen geschrieben, über Haiti und Frieden im Nahen Osten. Wieder und wieder hat er die Welt erklärt, ihre Machtstrukturen und die Dynamik der amerikanischen Gesellschaft. Besser geworden ist sie deshalb nicht unbedingt. Im Juni sagte er dem Politikwissenschaftler C.J. Polychroniou: „Es liegen ernsthafte Aufgaben vor denjenigen, die nach einer lebenswerten Welt streben.“

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