Es sei ihm egal, was die internationale Gemeinschaft sagen werde, hatte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan noch getönt, als er in die Rolle des großen Zensors schlüpfte und die Internetdienste Youtube und Twitter sperrte. Dass ihm die Predigt von Bundespräsident Joachim Gauck auch gleichgültig war, darf jedenfalls bezweifelt werden.

Das deutsche Staatsoberhaupt hat bei seinem Besuch klare Worte gefunden und die Unterdrückung von Recht und Freiheit kritisiert. Gaucks Abrechnung war nahe an der Verletzung protokollarischer Gepflogenheiten, aber dringend notwendig.

Ihm ist es gelungen, die Menschen und das Land für ihre Leistungen und Fortschritte zu loben und auf der anderen Seite die Unrechtspolitik des türkischen Regierungschefs und seiner Helfer anzuprangern. Da mag die türkische Regierung die kritischen Worte als Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten sehen, sie sind es nicht.

Ankara will nach Europa, verhandelt über den Beitritt in die Europäische Union. Doch diese Möglichkeit hat Erdogan mit seinem Kurswechsel, dem Abschied von Rechtsstaat und Meinungsfreiheit, für lange Zeit, womöglich für immer verspielt.

Man mag sich in Ankara über den deutschen Bundespräsidenten und seinen Tacheles-Auftritt vielleicht lustig machen und wieder zur traurigen aktuellen Tagesordnung übergehen. Der nächste Staatsgast kommt bestimmt.

Natürlich wird nicht jeder Erdogans Willkür und Grundrechtsverletzungen in Bausch und Bogen verdammen. Doch wird die Kritik so schnell nicht verstummen und Wirkung zeigen.

Die Türkei muss sich entscheiden, welchen Weg sie gehen will, ob sie – in welcher Form auch immer – Partner Europas bleiben oder einen Kurs in Richtung Vergangenheit einschlagen und wertvolle Errungenschaften wieder aufgeben will.